Daß es mit Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik nicht zum besten steht, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Es gibt kaum mehr ein Gebiet der Natur- oder Geisteswissenschaften, von dem man sagen kann, hier sei die Bundesrepublik führend. Sogar in den wirtschaftlich interessanten Forschungszweigen, etwa in der Elektronik oder Atomtechnik, stehen wir im Augenblick hinter unseren Nachbarn zurück, hinter Frankreich, England und Italien, von den USA und der Sowjetunion ganz zu schweigen. Nein, mit unserer Wissenschaft können wir keinen Staat mehr machen – kann aber nicht der Staat dazu beitragen, daß wieder bessere Wissenschaft gemacht wird?

Er kann, ja, er muß es sogar, denn in erster Linie fehlt es der Wissenschaft an Geld, und der beste Geldgeber ist nun einmal der Staat. Nach diesem Geldgeber riefen die Gelehrten, die sich für die Errichtung eines Wissenschaftsministeriums stark machten. Wer jedoch Geld vergibt,muß planen, nach Rentabilität fragen und verwalten – und vor dieser „Bürokratisierung der Wissenschaft“ warnten wieder die Professoren, die gegen eine oberste Forschungsbehörde waren.

Inzwischen ist es müßig geworden, sich darum zu streiten. Seit einem halben Jahr hat die Bundesrepublik das Ministerium für Wissenschaft und Forschung. An seiner Spitze steht der Hohner-Urenkel aus der Mundharmonika-Stadt Trossingen: Hans Lenz, bislang Schatzminister des Bundes.

Freilich wurde dieses Ministerium nicht aus Sorge vor einem weiteren Abgleiten in ein akademisches Hinterwäldlertum geschaffen, sondern deshalb; weil im fünften Kabinett Adenauers die Proporzgleichung nicht aufging. Bei Lenz stimmten die Parameter, nach denen in Bonn Minister gemacht werden: er ist Württemberger, Protestant, Liberaler und, nach deutschem Maßstab, noch recht jung: 55 Jahre. Genau das wurde bei der Regierungsumbildung noch gebraucht. Frei war das Atomministerium, aber eine so spezialisierte Behörde wollte man dem Neuphilologen nicht geben. Wissenschaft – das klingt viel allgemeiner, und damit hat Philologie ja auch etwas zu tun.

Unter den Naturwissenschaftlern gab es lange Gesichter, weil der Chemieprofessor Balke von einem Mann abgelöst wurde, der nie auf einem Forschungsgebiet gearbeitet hat – Lenz hat Sprachen studiert, ist dann Buchhändler geworden, Verleger, Musikschuldirektor und schließlich Politiker. Den meisten Geisteswissenschaftlern wiederum war die Behörde selbst ein Dorn im Auge. Plötzlich war der Popanz „Bundeskultusministerium“ da.

„Ich war anfangs davon überzeugt, ein Himmelfahrtskommando übernommen zu haben“, erzählt der Minister, „aber jetzt macht mir die Sache ausgesprochen Spaß.“ Es macht ihm Freude, weil er spürt, wie das Mißtrauen der Gelehrten gegen ihn schwindet, weil die anfangs skeptischen Vertreter der Wissenschaftsorganisationen und Förderergesellschaften offenbar Zutrauen zu der neuen Einrichtung gefaßt haben und vor allem, weil er aus den ersten Schlachten um die Erweiterung seiner Kompetenzen und seines Budgets als Sieger, hervorgegangen ist.

Hans Lenz sieht einen großen Vorteil darin, daß er selber nicht Spezialist auf einem wissen- – schaftlichen oder technischen Gebiet ist. „Wenn ich zum Beispiel Physiker wäre“, erklärt er, „dann würde es mir sehr schwerfallen, unparteilich zu entscheiden, wenn die Förderungswürdigkeit eines physikalischen Projektes zur Debatte steht.“ Ein Wissenschaftsminister, das ist die Überzeugung von Lenz, braucht nicht in erster Linie Spezialwissen, sondern vielmehr die Fähigkeit, sich in die Sorgen, aber auch in den Fachegoismus eines Wissenschaftlers hineindenken zu können. „Ich habe sehr viele Blechkästen gesehen mit Skalen daran und Zeigern, sicher sehr aufregende Geräte. Angenommen, ich verstünde, wie sie funktionieren – glauben Sie, das würde mich zu einem besseren Minister machen?“