Pathos beherrschte die Szene auf der afrikanischen Gipfelkonferenz in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Gleich zu Beginn dieses Monster-Treffens von 31 Oberhäuptern unabhängiger Staaten hatte Felix Houphet-Boigny, Staatschef der Elfenbeinküste, voller Emphase verkündet, diese Konferenz sei mehr als eine Hoffnung, es sei die Konferenz der Gewißheit. Und vier Tage darauf, als auch die Störrischsten im Kreis der Delegationsführer endlich ihre Unterschrift unter die Charta zur Gründung einer „Organisation der afrikanischen Einheit“ gesetzt hatten, triumphierte Kwame Nkrumah von Ghana; „Nach Jahrhunderten der Ausbeutung ist Afrika heute wiedergeboren worden.“

Dabei hatte gerade er – der ghanesische Messias – mit seiner Heilslehre von den „Vereinigten Staaten von Afrika“ am wenigsten Grund, mit dem Ergebnis dieses Mammutforums in der Africa Hall von Addis Abeba zufrieden zu sein. Nicht Gläubige fand er, sondern Skeptiker. Auch Ben Bella und Sekou Touré vermochte er nicht zu überzeugen, seine Haßtiraden gegen die „weißen Ausbeuter“ gingen allen zu weit. So mußte er es sich – trotz aller Ovationen von der Galerie der Kongreßhalle – gefallen lassen, daß ihn Houphet-Boigny einen „Hexenmeister“ nannte und Nyerere von Tanganjika ihm napoleonische Allüren vorwarf.

Nkrumah, das zeigte sich schon am ersten Tag der Konferenz, stand auf einsamem Posten. Er war nicht, wie er es sich gewünscht haben mochte, der strahlende Held, der von allen geehrte, geachtete Vorkämpfer des „einen Afrika“. Vergebens beschwor er in Mao-Tse-tung-Bluse die Konferenz; „Entweder schließen wir uns jetzt zusammen oder wir gehen allesamt unter.“

Ein anderer war es, der dem Ghanesen den Ruf, der Geburtshelfer der afrikanischen Einheit zu sein, bei dieser Zusammenkunft der Könige, Prinzen und Präsidenten streitig machte: Der Gastgeber, Kaiser Haile Selassie I., der einundsiebzigjährige „Löwe von Juda“.

Er trieb die Delegationen immer wieder dazu an, praktische Arbeit zu leisten und sich nicht in langatmigen Reden zu verlieren. Ihm ist es auch zu danken, daß so manche Schärfe in den Resolutionen, so manches strikte Postulat – wie etwa die unverzügliche Aufstellung einer Befreiungsarmee für Angola und Mozambique – abgemildert wurde. Er verstand es sogar, die militante Casablanca-Gruppe auf die 33 Artikel der Charta zu verpflichten, die einen gemäßigten politischen Kurs festlegt. Die Unabhängigkeit, so forderte Selassie, müsse auf „friedlichem Wege“ erreicht werden.

Also auch nach dieser spektakulären Zusammenkunft von Addis Abeba ist Afrika alles andere als ein Kontinent aus einem Guß. Zu kraß sind noch immer die nationalen, regionalen, ideologischen und wirtschaftlichen Gegensätze unter den 240 Millionen Einwohnern mit ihren vielen hundert Stämmen und Sprachen. Ihre Regierungschefs mögen sich, wie es die Charta bestimmt, einmal im Jahr treffen, sie mögen einen Ministerrat, ein Generalsekretariat, eine Schlichtungskommission einsetzen, den politischen Mord verdammen und sich gegenseitig ihre Grenzen garantieren – die Gefahr neuer Zwistigkeiten, neuer Umsturzversuche, neuer Attentate können sie dennoch nicht bannen. Noch steckt Afrika zu tief in den Schlingen des Nationalismus, als daß es sich schon jetzt, nur wenige Jahre, nachdem die meisten seiner Staaten unabhängig wurden, zu einer übernationalen Gemeinschaft formieren könnte.

Nkrumah, der weiter um seine Vormachtstellung kämpfen wird, Marokkos König Hassan II., der nach wie vor Mauretanien für sich beansprucht, die Zwistigkeiten zwischen Casablanca und Monrovia, der Streit um den „Neuen Magreb“ in Nordafrika, um die Grenzgebiete von Kenia, Somalia und Äthiopien – all das wird das Einigungswerk noch auf harte Belastungsproben stellen. D. St.