Von Wolfgang Leppmann

Als die Frau des amerikanischen Präsidenten vor kurzem ein Kriegsschiff beim Stapellauf mit den Worten „Je te baptise ‚Le Lafayette‘“ taufte, gab sie nicht nur dem Willen der Vereinigten Staaten Ausdruck, ihren Rang als führende Seemacht zu behaupten. Neben dieser machtpolitischen unterstrich Mrs. Kennedy auch eine kulturpolitische Gegebenheit: die Vorherrschaft der französischen Sprache, Literatur und Kunst unter allen anderen kulturellen Strömungen, die aus dem Ausland auf Amerika einwirken.

Dieses Primat Frankreichs läßt sich sowohl absolut wie relativ bemessen. Absolut, indem man sich etwa vorzustellen versucht, was geschehen wäre, wenn Mme. de Gaulle ein französisches Schiff auf den Namen eines Amerikaners und in englischer Sprache getauft hätte: Manche französische (und wohl auch deutsche) Stirn hätte sich gerunzelt, und die politischen Kommentatoren, die dem Stapellauf der USS Lafayette kaum Beachtung schenkten, hätten allerlei Mutmaßungen über eine bevorstehende sensationelle Kursschwenkung des französischen Staatschefs angestellt. Relativ gesehen tritt das Primat des Französischen hingegen beim Vergleich mit einer anderen Kultursphäre hervor – der deutschen.

Die Anzahl der Schüler und Studenten, die an amerikanischen Schulen und Hochschulen Französisch studieren zum Beispiel: sie ist rund doppelt so groß wie die derer, die Deutsch treiben. Keiner der amerikanischen Präsidenten der letzten fünfzig Jahre hatte eine persönliche, etwa durch Sprachkenntnisse oder Studienaufenthalte vertiefte Beziehung zu Deutschland; aber die Frauen zweier Präsidenten, Eleanor Roosevelt und Jacqueline Kennedy, lernten Französisch bereits als Kinder.

Ähnliches läßt sich auch von den hervorragenden amerikanischen Schriftstellern unserer Zeit sagen: Bei keinem von ihnen ist ein Deutschlanderlebnis nachzuweisen, welches sich mit ihrer Entdeckung anderer europäischer Länder oder gar Frankreichs vergleichen ließe. England ist aus dem Leben und Werk Henry James’ und T. S. Eliots genausowenig wegzudenken wie Italien aus dem Ezra Pounds, Spanien aus dem Hemingways oder Frankreich aus dem Gertrude Steins, Scott Fitzgeralds oder Henry Millers.

In New York ist der jährlich zu Wohltätigkeitszwecken abgehaltene „April-in-Paris“-Ball das größte gesellschaftliche Ereignis der Saison, in San Francisco der Legion of Honor Palace ein für die ganze Westküste maßgebendes Kulturzentrum. Die führende Wochenschrift für den gebildeten (und manchmal snobistisch verbildeten) Lebemann im Osten des Landes, The New Yorker, bringt etwa zweimal im Monat einen in die Form eines „Letter from Paris“ oder „Letter from London“ gefaßten Bericht über politische und kulturelle Neuigkeiten aus Frankreich oder England; ein „Brief aus Berlin“ oder Bonn oder München oder auch Wien erscheint bestenfalls zwei- oder dreimal im Jahre.

Die bekannteste amerikanische Bücherreihe für klassische und semiklassische Literatur, die Modern Library Series, bot noch vor wenigen Jahren unter insgesamt 388 Werken neben englischer und amerikanischer Schöner Literatur 32 aus dem Französischen und 5,5 aus dem Deutschen übertragene Bände. Neben Balzac, Colette, Corneille, Dumas, Flaubert, Hugo, Louys, Malraux, Maupassant, Maurois, Molière, Montaigne, Pascal, Proust, Rabelais, Rolland, Rostand, Rousseau, Stendhal, Sue, Voltaire und Zola standen einsam Goethe und Kafka mit je einem Band, die Brüder Grimm mit einem halben (sie mußten ihn sich mit Hans Christian Andersen teilen) und Nietzsche mit zwei. Proust allein war mit sieben Bänden vertreten, der gesamten „A la recherche du temps perdu“; Thomas Mann, dessen „Zauberberg“ sich gleichfalls auf mehrere Bände hätte aufteilen lassen, erschien lediglich mit dem „Tod in Venedig“ in dem fünften und letzten aus dem Deutschen übertragenen Buche, einer Sammlung von Novellen. In Anbetracht der Tatsache, daß diese Bände je nach Seitenzahl etwa 1,50 bis 4,50 Dollar kosten und an allen Hochschulen sowie bei vielen Familien zu finden sind, die sonst gar keine Bücher besitzen, ist es nicht zu verwundern, daß viele Amerikaner glauben, die französische Literatur sei der Inbegriff aller schriftstellerischen Höhe und die deutsche selbst in englischer Übersetzung unlesbar oder nicht lesenswert.