Von Rudolf Wall er Leonhardt

Der Anwalt der Klägerin Jean Kay beschrieb den Beklagten als „geil, wollüstig, sinnlich, ausschweifend, erotomanisch, lüstern, respektswidrig, engstirnig, unwahr und des sittlichen Charakters ermangelnd“.

Gemeint ist damit Bertrand Russell, Nobelpreisträger und so weltberühmt, daß weder seine hohen Adelstitel noch sein akademischer Rang der Erwähnung wert scheinen – der schlichte Name genügt schon wieder.

Aber die Klägerin – eine Frau, von der nie vorher und nie danach wieder jemand etwas gehört hat, vertreten durch einen Anwalt, von dem das gleiche gilt, gewann ihren Prozeß vor dem Richter McGeehan, der in die amerikanische Geschichte eingehen wird als der Verantwortliche für eine Feststellung Paul Edwards, Biograph und Herausgeber Bertrand Russells: „Es zeigt, was offenbar selbst in einem demokratischen Staat am hellen Tage geschehen kann, wenn ein fanatischer Parteigänger eine richterliche Macht erreicht hat und sich von einflußreichen Politikern unterstützt fühlt.“ Irgendwie klingt uns das vertraut.

Der unabhängige Berufungsausschuß des City-College von New York hatte einstimmig Russell aufgefordert, vom 1. Februar 1941 bis zum 30. Juni 1942 den philosophischen Lehrstuhl des Colleges einzunehmen.

Zunächst kamen Glückwunschtelegramme aus aller Welt. Einen so illustren Gelehrten hatte das City-College bis dahin noch nicht unter seinen Lehrern gehabt.

Dann kam Bischof Manning, seines Zeichens geistliches Oberhaupt der Protestantischen Episkopalkirche von New York. Er schrieb einen Offenen Brief, in dem es hieß: „Was soll man von Colleges und Universitäten halten, die als verantwortlichen Lehrer für Philosophie vor unsere Jugend einen Mann stellen, der ein bekannter Propagandist sowohl gegen Religion als auch gegen Moral ist und der insbesondere den Ehebruch verteidigt...“