Je näher die Eröffnung des Festspielhauses in Recklinghausen rückt, das 1965 fertig.werden soll, desto dürftiger geben sich die Ruhrfestspiele. In diesem Sommer sind sie wieder auf eine einzige Eigen-Inszenierung zurückgefallen. Die übrigen Theatervorstellungen bestehen aus Gastspielen, und diese werden (mit einer Berliner Ausnahme) von fünf Bühnen des Landes Nordrhein-Westfalen ausgeführt.

Wer den Theaterteil der Ruhrfestspiele nach dem Werk-Programm beurteilen will, der gerät schon lange in Verlegenheit. Ein Klassiker dient als Mittelpunktsfigur – er tritt innerhalb von zwei Monaten rund dreißigmal auf. In diesem Jahr heißt er Schiller, voriges Jahr hieß er Shakespeare, 1961 Schiller, 1960 Shakespeare.

Dazu kommen einige zeitgenössische Studie, die irgendwo für drei oder vier Vorstellungen eingekauft werden. Der Routine gewordene Brauch hat seine Gründe, organisatorische, materielle, aber keine ideellen.

Als sie noch jung waren, diese Ruhrfestspiele, die jetzt zum 17. Male stattfinden, da hieß es, Recklinghausen wolle kein Bayreuth oder Salzburg des kleinen Mannes werden.

Was ist es also geworden? Austragungsort für Festspiele, die nur durch ihr Publikum definiert werden: die Besuchermassen aus der Industriegesellschaft Nordrhein-Westfalens. Zwar ist diese „Idee“ keine Idee, sondern eine Organisationsform. Aber es ist immerhin auch eine gute Sache, wenn man weiß, für wen man spielt.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Dachorganisation der Einzelgewerkschaften, trägt die Ruhrfestspiele mit, und er hat offenbar keine Bedenken deswegen, weil seine materielle Hilfe nur einem regional begrenzten Zuschauerkreis zugutekommt.

Für den DGB sind die Ruhrfestspiele eine repräsentative Veranstaltung. In diesem Jahr stiftete die Interessenvertretung der Arbeiterschaft dazu noch einen Kulturpreis. Er soll im Rahmen der Ruhrfestspiele verliehen werden.