Von Joachim Kaiser

Gewiß, es geht um die Leser, um die Auflagenhöhe, um Weltanschauungen und herbe Vorwürfe. Trotzdem, vergessen wir es nicht, geht es zunächst um ein Buch. Und wer je von der Passion für Bücher befallen wurde, der muß auch jene andere Passion kennengelernt haben, der wir hier frönen wollen: nämlich über Bücher zu streiten. Das macht, ich sage es offen und sicherlich höchst angreifbar, Spaß. Blut braucht keines dabei zu fließen.

Wer Böll zu tadeln wünscht, meint Marcel Reich-Ranicki in seiner Kritik an den „Ansichten eines Clowns“, braucht „nicht lange zu suchen“. An diese Maxime hat er sich offenbar gehalten. So kam es, daß Ranicki die exzentrische Poesie der Hauptgestalt des Buches verkannte, zum Gefangenen seiner allzu rasch von Sozialkritik redenden Kategorien wurde und einem Roman vorwarf, ein schlechtes Pamphlet zu sein. Ein Pamphlet, in dem sozusagen beziehungslos eine rührend schlichte Liebesgeschichte herumstehe.

Wie ist Reich-Ranickis lange Kritik aufgebaut? Zunächst wird eine große „Spanne der Qualitätsschwankungen“ behauptet. Dann ein Wider- – sprach, ein Bruch zwischen „sozialkritischer Darstellung“ und „erotischer Geschichte“. Scharfsinnig stellt Ranicki danach fest, was wohl wirklich unbestritten bleiben muß: daß der Autor Böll nicht aus seiner katholischen Haut heraus könne.

In der Tat: Hans Schnier ist weder ein typischer Protestant (mit katholischer Erziehung) noch auch ein typischer Atheist oder ein Indifferenter. Er ist, gewiß auch kein typischer Katholik.

Ja, was ist er denn?

Er behauptet alles mögliche von sich selbst – aber man braucht ihm doch nicht gleich zu glauben. Man muß, im Laufe einer möglicherweise sogar ziemlich langen Spür-Aktion, die seltsame Gestalt – die mich zu rühren und zu faszinieren vermag wie bisher noch keine des Böllschen Kosmos – zu erkennen versuchen. Das ist nicht unmöglich.