Von Elimar Schubbe

Vor mir liegt der Text einer russischen Zeitschrift. Sie trägt den Titel Phönix und wurde in zahlreichen hektographierten Exemplaren in Rußland unter der Hand verteilt. Ein Exemplar gelangte auf abenteuerlichen Wegen in den Westen und wurde von einem Emigrantenverlag (dem Possev-Verlag in Frankfurt) in vollem Wortlaut nachgedruckt.

Die Sprache der Gedichte, die 120 von den 140 Seiten der Zeitschrift einnehmen, wie die Sprache des „Offenen Briefes an Jewgenij Jewtuschenko“ und eines kunsttheoretischen Artikels, unterscheidet sich von allem, was an sanktionierter oder gerade noch tolerierter sowjetischer Literatur im Westen bekannt wurde. Ihre Radikalität stellt alle Tauwetterliteratur in den Schatten.

Wer sind die Redakteure und Autoren des Phönix? Woher kommen sie? Was wollen sie sagen?

Wir müssen vorsichtig sein mit Aussagen, denn sie können sich nur auf spärliche Informationen stützen.

Eines aber läßt sich schon heute sagen – innerhalb der geistig wachen Intelligenz Rußlands herrscht Unruhe. Die Totenstarre, die sich seit den dreißiger Jahren über das ganze geistige Leben gelegt hatte, ist seit dem Tode des roten Zaren einer Bewegung gewichen, die immer weiter um sich greift und der Partei ernste Sorgen bereitet. Chruschtschows Angriff gegen die Künstler kam nicht von ungefähr.

Der Tod Stalins schon hatte den Griff der Partei ein wenig gelockert. Als dann im Jahre 1956 der angebetete Gott von seinem Thron gestürzt wurde, zerbrach mit dem Glauben an Stalin für ungezählte Menschen vornehmlich der jungen Generation eine ganze Welt. Die Partei war für sie nicht mehr der Inbegriff der Unfehlbarkeit und Allgerechtigkeit. Dichter und Kunstkritiker standen auf und bekannten ihre Zweifel. Dudinzew, Kirssanow, Paustowskij, Pasternak, Jaschin, Jewtuschenko und Dutzende anderer durchbrachen teils zögernd, teils mutiger die Schranken des sozialistischen Realismus. Dann kam, im Oktober 1956, die Konferenz der Prosaschriftsteller von Moskau. Der alte Konstantin Paustowskij trat ans Rednerpult und formulierte vor einem Publikum von Schriftstellern und Studenten seine Kritik an der herrschenden Klasse. Der stürmische Applaus deutete darauf hin, daß er etwas ausgesprochen hatte, was die meisten dachten. Wenige Tage Später geschah das Blutbad von Budapest.

Illegale Gruppen und Grüppchen begannen sich an den Oberschulen und Universitäten zu bilden. In Moskau und Leningrad erschienen Flugschriften, die das Vorgehen der Sowjetregierung in Ungarn verurteilten, und in Leningrad, jener traditionell revolutionären Stadt, mußten die Behörden zweitausend Studierende der Universität und der verschiedenen Hochschulen und Fachinstitute relegieren. Unter der Oberfläche aber fraß das Feuer weiter.

Aus dem Kreis der Relegierten und aus verschiedenen anderen Gruppen an den Universitäten und Hochschulen des Landes bildeten sich jene Redaktionsgemeinschaften, die mit zahlreichen kleinen und kleinsten Blättchen die Stimme eines anderen Rußlands verkünden wollten.

Diesen jungen Verfassern waren manche Prominente der legalen oder halblegalen Avantgarde des Tauwetters nicht radikal genug, wenn sie auch Literaten wie Dudinzew und Jewtuschenko verehrten. Aber sie stellten nach Meinung dieser Untergrundliteraten die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht scharf genug.

Die wichtigsten dieser kleinen Zeitschriften, deren Auflage zwischen einigen Dutzend und einigen hundert Exemplaren schwankte und die nur einen sehr geringen Umfang hatten, trugen provozierende Namen und wurden von der Parteipresse sogar namentlich in scharfen Angriffen erwähnt. Feigenblatt, Blaue Knospe, Frische Stimme, Kultur, Tribüne und Häresie dürften die größte Wirkung gehabt haben. Die meisten von ihnen erschienen in Moskau oder Leningrad.

Auf diesen kleinen Blättchen bauten jene Zeitschriften auf, die zu den unmittelbaren Vorläufern des Phönix zu zählen sind, Syntax und Bumerang. Syntax wurde von Alexander Ginsburg herausgegeben, der seinen Mitarbeiterstab aus dem Kreis der relegierten Leningrader Studenten bildete. Diese Zeitschrift publizierte Gedichte unbekannter junger Autoren und sozialkritische Artikel. Auf ihren Seiten erschienen aber auch Namen von bekannten Literaten des Tauwetters, wie die von Iwan Charabarow (der übrigens auch im Phönix zu finden ist), Bella Achmadulina und Jewgenij Jewtuschenko. Sie erzielte fünf Nummern, dann griff die Polizei zu, verhaftete die Redakteure und warf Alexander Ginsburg für zwei Jahre ins Gefängnis.

Kurz darauf sammelte Wladimir Ossipow aus den Freunden des aufgelösten Syntax – einen neuen Redaktionskreis, der mit der Zeitschrift Bumerang das Werk von Ginsburg fortsetzen wollte. Der gleichfalls illegale Bumerang erreichte drei Ausgaben, bis die Staatsmacht gegen ihn einschritt.

Aus den Trümmern dieser Zeitschrift entstand dann im Jahre 1961 der Phönix, jenes Blatt, das zum bedeutendsten Zeugnis geistigen Widerstandes der russischen Intelligenz geworden ist. Er erreichte im ganzen fünf Ausgaben. Neben dem Phönix sind noch die Spirale und der Cocktail einer besonderen Erwähnung wert.

Die Redakteure des Phönix sind nicht bekannt, und von seinen Autoren treten einzig Charabarow und der tote Pasternak unter vollem Namen auf. Nur ein Verfasser, N. Nor, scheint bisher identifiziert worden zu sein. Die Komsomolskaja Prawda vermutet den relegierten Studenten W. Nossow hinter diesem Pseudonym.

Sind auch die Namen der Verfasser nicht bekannt, so läßt sich doch mit Sicherheit sagen, daß alle mit Ausnahme von Pasternak der jungen Generation angehören, deren entscheidendes Erlebnis die Entthronung Stalins war. Für sie ist die Partei und ihr Staat nicht mehr die bestimmende Autorität. Sie wollen der stickigen Treibhausluft des Totalstaates entkommen.

Karanins offener Brief an Jewtuschenko macht sehr deutlich, daß die Autoren des Phönix jede Gängelung der Kunst verwerfen und alle Grundlagen des sozialistischen Realismus zerbrechen. Die Kunst habe nicht die Aufgabe, ein Erziehungsmittel in der Hand der Diktator zu sein, sie habe die Wahrheit zu suchen und sie Zu verkünden. „Der Poet darf sich nicht mit der Staatsmacht liieren. Wenn er es tut, verliert er seine Eigenständigkeit und wird zu einem Arbeiter am Fließband, der unaufhörlich Verteidigungs- und Lobeshymnen auf die Staatsmacht und ihre Laster produziert.“ Und an einer anderen Stelle des Briefes sagt Karanin: „Die Individualität des Dichters verträgt sich nicht mit der Lüge. Darum, kämpfe ich für Lebensbedingungen, die eine freie Entfaltung des Individuums ermöglichen.“ In der gegenwärtigen Zeit habe der Dichter aber nicht nur die Aufgabe, der Wahrheit zu dienen, er müsse auch am „Zerfall der alten Häuser“ mitwirken und in Neuland vorstoßen.

Warum sind die trockenen Lippen so wund? Welches Wort wollten sie sagen?

PHÖNIX

Moskau, 1961

Nr. 1

Schreibet die Wahrheit, damit das Wort lebe, damit der Gedanke – einer zusammengepreßten Sprungfeder gleich unter der Decke – plötzlich auffahrend töte jene, die er berührt.

Jewtuschenko wirft er vor, nicht den Mut zu haben, gegen den Strom zu schwimmen. Er sei ein Chamäleon und Spießer, der im schalen Abfall Brocken zusammensuche, aus denen er eine kommunistische Fassade errichte. Dahinter aber verberge sich nichts als purer Nihilismus.

Nihilismus aber lehnen die Phönix-Leute ab. Sie erstreben eine neue Ordnung der Menschlichkeit, Liebe, Wahrheit und Freiheit.

Welches sind ihre Leitbilder? Es sind Majakowski, Pasternak und Blok, es ist die politische Lyrik der frühen zwanziger Jahre. Bei Nor ist die Anlehnung an Blok besonders deutlich. Wie Blok 1921 auf die Tscheka wartete, so wartet Nor heute auf den MGB.

Auch die Symbolisten dienen als Vorbilder. Wie bei ihnen geht durch manche Gedichte der Phönix-Autoren die Ahnung einer künftigen Katastrophe. Auch Cocktail bringt apokalyptische Bilder. Aber die Katastrophe wird nicht als endgültiger Untergang begriffen, sondern als Neubeginn:

Mit dem Gewitter kommt die Erneuerung.

Die Welt wird beben,

und die Erlösung wird kommen

und uns befreien von der würgenden Hitze.

Neben der Ahnung einer künftigen Katastrophe steht die Verzweiflung über die Gegenwart, der Aufruf zur Empörung („ ... zerschlagt das morsche Gefängnis dieses Staates!“) und die Suche nach einer neuen Welt.

Wenn wir nach der Bedeutung dieser und ähnlicher Schriften fragen, so müssen wir daran denken, daß dem dichterischen Wort hinter dem Eisernen Vorhang eine ungleich größere Bedeutung zukommt als bei uns. Bei uns stellt sich kein Dichter auf den Marktplatz und beginnt zu deklamieren, und täte er es, er würde ausgelacht. In Rußland aber sammeln sich Hunderte und Tausende begeisterter Zuhörer, wenn es jemand wagt, öffentlich, ohne Ankündigung, Gedichte vorzutragen. Das erste öffentliche Auftreten von Phönix-Autoren erfolgte kurz vor dem Erscheinen der Zeitschrift auf der stürmischen Kundgebung am 8. Oktober 1961 vor dem Majakowski-Denkmal in Moskau; beteiligt an ihr war auch Alexander Ginsburg, der gerade die zwei Jahre abgesessen hatte, die ihm die Herausgabe der Syntax eingebracht hatte.

Niemand vermag zu sagen, wohin dieses geistige Erwachen der jungen Intelligenz einmal führen mag. Die Avantgarde des Tauwetters jedenfalls ist in der Sowjetunion nicht mehr die einzige.