Von Walter Widmer

Heinrich Bölls neuer Roman "Ansichten eines Clowns" erregt die Gemüter – mit Recht, glaube ich. Das mußte Böll erwarten, damit hat er gewiß auch gerechnet, sonst hätte er dieses zornige Buch nicht geschrieben.

Schweigen ist Gold. Es erspart jedenfalls Ärger und Scherereien. Und Böll hat sich seinen ganzen Unmut über die Klüngelwirtschaft in Bonn vom Herzen geschrieben.

Grund genug für die Betroffenen, ihre Mannen zu mobilisieren und zum Gegenangriff überzugehen.

Es war auch ein bißchen viel für die ecclesia militans: zuerst Hochhuth, dann Carl Amery (zu dessen Kapitulation Böll ein Nachwort geschrieben hat) und nun dieser ärgerliche Roman. Den letzten beißen die Hunde, sagt man. Böll ist der letzte.

Mitten in die auf vollen Touren laufende Offensive der bien pensants gegen die Störenfriede im deutschen Restaurationsbehagen wirft ein Schriftsteller vom Range Bölls einen Roman, der mit bitterböser Schonungslosigkeit an all den gutgehegten Konventionen und sorgsam gehüteten Machinationen Kritik übt. Wen kann es da erstaunen, daß er sich mißliebig macht, noch mehr als bisher exponiert, offene und (vor allein) versteckte Feindschaft herausfordert?

Nein, das kann niemanden wundern. Doch hat es mit Literaturkritik nichts, nicht das geringste zu tun. Und hier geht es um ein literarisches Werk. Das kann und darf man einzig nach literarisch-kritischen Maßstäben beurteilen.