Schlimmes sei in Hamburg vorgefallen, erfuhr der Wei Leser in der vergangenen Woche. Eine SED Propagandaveranstaltung, wie sie die Hansestadt "wohl bis dahin noch nicht erlebt" hatte! Reines Agitprop Theater! Gebrüll, wie beim SA Sturm! Anwesend die Hamburger Kommunisten samt DFU Satrapie! Das Publikum rasend, außer Rand und Band vor Begeisterung! Die paar Standfesten und Vernünftigen hoffnungslos in der Minderzahl! Die Veranstalter überrumpelt und tief beschämt! Der die Welt Leser also in Alarmzustand setzen zu müssen glaubte, war Günter Zehm. Der Anlaß seines Feurio Rufs war keine rote Agenten Hauptversammlung, sondern ein Gastspiel des Berliner Ensembles aus Ostberlin in der Hamburger Universität, das bisher einzige, seit im September 1960 in Lünen, Mari und Frankfurt der "Arturo Ui" gezeigt wurde, mithin das erste seit der Errichtung der Berliner Mauer. Veranstalter war keine Krypto Organisation, sondern der Allgemeine Studentenausschuß der Universität Hamburg, und da erst wenige Tage vorher und nur im engsten Umkreis der Universität ein paar Plakate aufgestellt worden waren, bestand das Publikum, welches das Auditorium maximum bis auf den letzten Platz füllte, überwiegend aus Studenten — Demonstrationen irgendwelcher Art lagen nicht in der Absicht des AStA.

Gezeigt wurde das einzige ohne besondere Schwierigkeiten bühnentechnischer Art transportable Programm aus dem Repertoire des Berliner Ensembles, der Rezitationsabend "Bertolt Brecht: Lieder und Gedichte 1914—1956", mit Helene Weigel, Ekkehard Schall (dem Ostberliner Arturo Ui und Helden der westlichen Welt), Wolf Kaiser (dem Ostberliner Mackie Messer) und sieben weiteren Mitgliedern der Gruppe, alle von einer studierten Lässigkeit, die bei einigen von der darstellerischen Leistung nicht so recht gedeckt wurde.

Es handelte sich also keineswegs, wie Zehms Leser glauben müssen, um eine eigens für Hamburg präparierte "Propagandaschau", sondern um einen unveränderten Repertoire Abend, der seit April 1962 am Schiffbauerdamm immer wieder gezeigt wurde. Zehms Behauptung, die Leute vom Hamburger AStA hätten das alles nicht kommen sehen und am Ende zerknirscht, "mit hochroten Gesichtern", "wie kleine Dummköpfchen", auf ihrer Bank gesessen, ist frei erfanden und perfid dazu.

Ein politisches Programm, allerdings. Andererseits keines, das denjenigen, der sich ein venig auskennt in den Schriften Brechts, überraschen oder verwundern mußte. Fast alle diese Gedichte, von der "Ballade von den Abenteurern" (1920) bis zu den "Vergnügungen" aus dem Jahre 1956, waren durchaus bekannt, das meiste findet sich in den "Hundert Gedichten", der ersten zu Brechts Lebzeiten und zweifellos mit seinem Einverständnis herausgegebenen Auswahl aus seiner Lyrik, die Wieland Herzfelde 1951 besorgte und die Peter Suhrkamp, als er einige Jahre darauf seine eigene Auswahl vorlegte, "durchaus nicht einseitig, aber doch politisch akzentuiert" nannte. Wer also bei diesen Rezitationen aus allen Wolken fiel, bewies damit nur, daß er Brecht entweder nur sehr oberflächlich kannte oder aber den anderen, den klassenkämpferischen, den höchst ungemütlichen und an westlich liberalen Maßstäben gemessen oft auch höchst unsympathischen Teil seines Werkes bequemerweise aus dem Bewußtsein verdrängt hatte. Jedenfalls kannte der AStA das Programm, es war in Ostberlin mehrmals besichtigt worden, und man war der Meinung, daß man den Hamburger Studenten auch einen politischen Brecht Abend zurr uten könne, unverfälscht, unverwassert, ohne Rücksicht auf zarte westliche Gemüter.

Trotzdem hatte der AStA in Ostberlin vorsorglich zu verstehen gegeben, daß einige der Lieder nicht mit dem Einverständnis des Hamburger Publikums rechnen dürften, er hatte vorgeschlagen, einige Nummern besser auszulassen oder auszutauschen, war jedoch nicht durchgedrungen. Ein einziges Zugeständnis wurde gemacht: Das Gedicht "Nicht so gemeint", entstanden nach dem 17. Juni 1953 bestimmt, den Beifall des Westens abzuwehren, der Brecht zu seinen Taüwetter Gedichten gratulierte — "Sachte, meine Lieben!" —, in deren Zusammenhang "Nicht so gemeint" allein verständlich ist und die natürlich im Programm des Berliner Ensembles fehlten, dieses Gedicht also, das Jürgen Rühle eine peinliche Revokation dessen nannte, was Brecht in Versen, wie "Böser Morgen", "Das Amt für Literatur" und "Nicht feststellbare Fehler der Kunstkommission" gerade gesagt hatte, das jedoch die Bezeichnung "engstirnige Behörden" für die Kulturämter der DDR aufrechterhielt, es sollte ausgelassen werden. Tatsächlich fehlte es auf dem Programmzettel — aber der behielt sich Änderungen vor, und an der alten Stelle wurde es wieder eingefügt. Günter Zehm: brüllten auch Texte, die gar nicht im Programmzettel standen " Das Publikum, unentschieden bis zu diesem Punkt und offenbar der Meinung, es gehe hier nur um Kunst und die sei mit beifälligem Applaus zu quittieren, protestierte bei diesem Gedicht zum erstenmal, und danach knisterte es im Saal: Lachen, Zischen, ironischer Beifall, Zwischenrufe und, wie vorher, immer wieder auch freundlicher Beifall, für einen Künstler, für einen Satz, der einleuchtete.

Günter Zehm nahm vor allem kommunistische "Claqueure" wahr, der Berichterstatter des Hamnämlich "westliche Kreuzzügler und professionelle Antikommunisten", die verzückt "Peter Fechter! Peter Fechter!" murmelten. Die Wahrheit dürfte auch hier ungefähr in der Mitte liegen. Eine Zeitlang zwar ziemlich plump und kitschig in seinen Reaktionen, wußte das Gros des Publikums alles in allem doch sehr wohl zu unterscheiden. Es war kritisch, aber nicht gehässig, es ließ sich nicht dazu verführen, seine Freundlichkeit der immer wieder geäußerten Opposition zum Opfer zjj bringen, es schluckte nichts und ließ sich doch zu den Tätlichkeiten nicht hinreißen, die der eine oder andere offenbar von ihm erwartete. Es gibt einen Journalismus, dessen Grundsatz zu sein scheint: nichts sehen, nichts hören, aber um so radikaler meinen. Günter Zehm hat ein trauriges Beispiel dafür geliefert. Er bemerkte nur frenetischen Applaus, "rhythmisch mitklatschende Claqueure", als das museale "Einheitsfrontlied" aus dem Jahre 1931 zu Gehör gebracht wurde — das Gelächter aber, das es begleitete, hörte er nicht, und auch nicht die Zustimmung, die die zweite Strophe fand: Und weil der Mensch ein Mensch ist Hat er Stiefel im Gesicht nicht gern.

Er will unter sich keinen Sklaven sehn Und über sich keinen Herrn.