Von Walther Weber

Es klingt beinahe wie ein Märchen, und es ist doch wahr. Es mutet wie eine Sensation an, und es ist doch keine. Allen Klagen der Industrie über Gewinnschwund und die Einengung der Selbstfinanzierung zum Trotz hat das führende Unternehmen auf dem Gebiet der Gummiverarbeitung in der Bundesrepublik, die Continental Gummi-Werke AG, Hannover, ein nochmals verbessertes Jahresergebnis vorgelegt. "Wieder ein brillanter Abschluß", jubilierte die sonst so nüchtern-sachliche Frankfurter Allgemeine. "Wie steigert man ein ‚goldenes‘ Jahr? Welche Worte können die Superlative des letzten Jahres ‚stolzester Abschluß’ noch überbieten?"

In der Tat, es war "das beste Jahr, das es je gab", jedenfalls seit der Währungsreform. Doch kam es überraschend? Eigentlich nur für diejenigen der rund 20 000 Aktionäre, die entweder den Rundbrief der Conti vom November 1962 nicht gelesen hatten oder die vorsichtige Sprache der leitenden Herren vom Hochhaus am Königsworther Platz nicht zu würdigen wissen. War doch schon seinerzeit vom "erfreulichen Wachstum von Produktion und Umsatz" die Rede, von "kräftigen Impulsen im Reifen- und Zubehörgeschäft, von einer vollen Ausnutzung der gesamten Produktionskapazität und von einer Ertragskraft, die nicht nur die Zahlung der bisherigen Dividende gestattet, sondern darüber hinaus noch so viel erbringt, daß die unternehmerische Bewegungsfreiheit gewährleistet bleibt!"

Was der Vorstand damals damit sagen wollte, weiß nun wohl auch der letzte Aktionär. Das Unternehmen schüttet neben der seit 1959 gezahlten Standarddividende von 16 % einen Bonus von 2 % aus. Warum nur einen Bonus? "Wir sind vorsichtige Leute", kommentierte Dr. Göbel vom Vorstand. "18 % werden erst dann effektive Dividende, wenn wir die Gewißheit haben, daß der Erfolg nachhaltig gesichert ist." Nun mag man darüber, was in wirtschaftlicher Tätigkeit als gewiß und nachhaltig gesichert gelten darf, trefflich streiten. Auch kann man verschieden darüber urteilen, ob wieder ein bestes Jahr, das es je gab, notwendig ist, damit, wie bei der Großchemie, 18 % Dividende gezahlt werden. Verstehen muß man aber die Vorbehalte des Vorstandes.

Denn das gute Ergebnis ist wesentlich einem Sonderumstand zu danken, von dem es zwar im Vorjahr hieß, daß er sich "zweifellos nicht" in dem Umfang wiederholen werde, der sich aber auch 1962 wieder erfreulich ausgewirkt hat. Die Rohstoffe, die das Unternehmen verarbeitet, sind billiger geworden. Beim Naturkautschuk sind die Preise um etwa 5 % zurückgegangen. Aber auch bei Synthesekautschuk, dessen Anteil am Kautschukverbrauch bei der Conti leicht auf 53,5 (53,2) % gestiegen ist, sowie im Textilbereich (insbesondere bei Reyon- und Nylongarnen) schlugen die sinkenden Einkaufspreise zu Buch. Auf diese Weise konnte mit einem fast unveränderten Aufwand von 454,8 Mill. DM für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe der um 52 auf 941 Millionen DM ausgeweitete Umsatz erzielt werden, von dem 130 Millionen oder 14,5 % in den hart umkämpften Export gehen.

Dagegen kletterte der Personalaufwand für die um 5,4 % auf 25 488 verstärkte Belegschaft weiter in die Höhe, und zwar um 14 % oder 28 Mill. DM. Kein Wunder, daß der Vorstand hier die größten Gefahren künftiger Gewinnminderungen sieht. 1959 machten die Personalaufwendungen noch 23,1 % des Umsatzes aus, heute sind es bereits 28 % (vgl. unser Schaubild). "Es hieße den Ernst der Lage verkennen", so wird im Rechenschaftsbericht mit einem Seitenhieb auf die expansive Lohnpolitik der Gewerkschaften geklagt und gemahnt, "wenn die im wesentlichen aus besonders günstigen Umständen herrührende verbesserte Ertragslage als Begründung für die Möglichkeit weiterer Lohn- und Gehaltserhöhungen genommen würde." Dem wird man sicherlich zustimmen müssen, denn die Effizienz der Arbeit, die Produktivität, wird man nicht daran messen können, daß die politisch außerordentlich preisempfindlichen Rohstoffe das Ergebnis so positiv beeinflußt haben. Aber der "Ernst der Lage", passen diese Worte wirklich zum besten Jahr, das es je gab?

Entgegen allen Unkenrufen einiger Börsianer, die die Abhängigkeit der großen Reifenhersteller von der Konjunktur der Automobilindustrie als Nachteil hervorheben, ist die Verwaltung weiter fest davon überzeugt, daß die Motorisierung stetig fortschreitet und daß auch für die Verwendung von technischen Artikeln aus Gummi und Kunststoff sich noch weite Bereiche öffnen werden.