Als John F. Kennedy und Richard Nixon in die Studio-Arena traten, wurde der US-Wahlkampf entschieden (I)

Von Theodore H. White

Am 26. September 1960 um 20.30 Uhr wechselte das Programm der amerikanischen Fernsehstationen. Einige Sekunden lang wurde die Zigarette der Firma Ligget & Myers angepriesen, danach, eine "samtweiche" Augentusche. Dann erklärte eine tiefe Stimme mit Bedauern, aus besonderen Gründen sei heute ausnahmsweise die Andy Griffith Show abgesetzt forden. Schließlich wurden jene drei Männer eingeblendet, die an diesem Abend eine Revolution der amerikanischen Präsidentschaftspolitik einleiteten.

Keiner der drei, weder John F. Kennedy’ noch Richard Nixon oder Howard K. Smith, der die Sendung leitete, hatte diese Revolution verursacht. Sie war die Folge einer genialen technischen Erfindung und ihrer weiten Verbreitung unter der amerikanischen Bevölkerung. Es war der allgemeinen Verbreitung des Fernsehens zuzuschreiben, daß an diesem Abend alle Bevölkerungsgruppen der Vereinigten Staaten zusammen die bisher größte politische Massenversammlung der Geschichte bilden konnten.

Das Ausmaß der durch das Fernsehen hervorgerufenen Veränderung ist deutlich aus den Ergebnissen der Erhebungen abzulesen. 1950 besaßen nur 11 Prozent der damals 40 Millionen Haushalte in den USA einen eigenen Fernsehapparat. 1960 war die Zahl der Haushalte auf 44 Millionen angeschwollen, von denen nicht weniger als 88 Prozent Fernsehapparate besaßen. In den Jahren 1954, 1955 und 1956 wurden durchschnittlich täglich 10 000 neue Fernsehapparate in amerikanischen Haushalten aufgestellt. Die Veränderungen, die dieses neue Medium in den Lebensgewohnheiten der amerikanischen Bevölkerung hervorrief, sind unübersehbar. Im Sommer 1960 waren die Fernsehapparate in amerikanischen Häusern im Durchschnitt vier bis fünf Stunden täglich in Betrieb.

Die Forschungsabteilungen der großen Fernsehnetze, die sich ständig mit den Wünschen und Gewohnheiten des Fernsehpublikums beschäftigen, sind zu dem Schluß gekommen, daß man zum erstenmal in der Geschichte eine klare Antwort auf die Frage geben kann, wie die Amerikaner ihre Freizeit verbringen: Sie sitzen vor dem Bildschirm. Innerhalb eines Jahrzehnts hat das Fernsehen einen Einfluß auf die amerikanische Mentalität gewonnen, der in seinem Ausmaß höchstens mit dem Einfluß der Schulen und der Kirchen verglichen werden kann. Man wird noch geraume Zeit darüber diskutieren, bis zu welchem Grad das Fernsehen inzwischen zu einer sozialen Gefahr geworden ist.

Hier beschäftigt uns jedoch lediglich die Politik, die politische Macht. Fast die gesamte Macht, die das Fernsehen über die amerikanische Geisteshaltung ausübt, liegt in den Händen von drei privaten Fernsehgesellschaften mit Sitz in Manhattan, New York. Diese Tatsache hat bereits seit Jahren den Kongreß und die ihm unterstehende Aufsichtsbehörde, das Bundesamt für das Nachrichtenwesen, beunruhigt. Der Kongreß steht vor der schwierigen Aufgabe, zu entscheiden, in welcher Weise man den geheiligten Grundsatz der Pressefreiheit mit der Wirklichkeit der modernen amerikanischen Kommunikationsmedien in Einklang zu bringen vermag.