"Du best mir so ain Schlingelchen! Jehst da ’ran und waißt nich, was is, und nachher weinste."

(Maria Truczinski zu Oskar Matzerath)

Durch die Perle des Allgäus, eingebettet inmitten lieblicher Auen und Triften, wo fette Kühe jene Milch produzieren, die dann unweit der prunkvollen, weiland fürstäbtlichen Rokoko-Residenz in der Süddeutschen Butter- und Käsebörse als Quark und Emmentaler umgeschlagen wird – durch die milde Behäbigkeit und gemütvolle Selbstzufriedenheit des verträumten, immerdar gutbürgerlichen Städtchens Kempten geistert unversehens der bucklige Zwerg Matzerath.

Wie dieses Geschöpf ausgerechnet nach Kempten geriet, ist noch nicht restlos aufgeklärt. Fest steht jedenfalls, daß kürzlich in Kempten ein Männergespräch stattfand, in dem einige Informationen über Günter Grass’ "Blechtrommel" auf unverhohlenes Interesse stießen. Fest steht weiterhin, daß an dieser Männerrunde auch der Kemptner Vollstreckungsrichter Menth teilnahm. Fest steht außerdem, daß der Jurist jäh von dem Wunsch beseelt wurde, näheres über den Inhalt der "Blechtrommel" in Erfahrung zu bringen. Fest steht endlich, daß Menth nun nicht etwa 4,90 Mark für die Taschenausgabe zu erlegen bereit war, sondern der örtlichen Polizei einen Auftrag gab.

Es muß hervorgehoben werden, daß der Rechtsgelehrte Menth keineswegs den Vorsatz hatte, sich über den Dienstweg kostenlos an Oskar Matzeraths Aufzeichnungen zu verlustieren. Nach glaubhafter eigener Darstellung trieb den Vollstreckungsrichter lediglich das Verlangen, den Text daraufhin überprüfen zu lassen, ob er jugendgefährdend oder gar unzüchtig sei. Eilig strebte ein Kriminalbeamter zum Stadtzentrum.

Die Fixigkeit in Sachen "Blechtrommel" ist bedeutsam, wenn man weiß, wie die Kemptner Justiz sonst zu funktionieren pflegt. Ein gewisser Daniel Schumacher zum Beispiel, der Sich bald nach der Währungsreform in der Perle des Allgäus niedergelassen hatte und dort aus Hefe ein Präparat verfertigte, das gegen Bronchialasthma, Furunkulose und Kropf gleichermaßen helfen sollte wie gegen funktionelle Durchblutungsstörungen des Herzmuskels, Diabetes und Krebs, blieb unbelästigt, obwohl der Leiter des Kemptner Gesundheitsamtes ihn durch Jahre immer wieder unter Wahrung aller Formen anzeigte.

Es störte die Kemptner Justiz nicht, daß Schumacher wiederholt vorbestraft war, es störte sie auch nicht, daß sein Name dauernd in Verbindung mit zweifelhaften Angelegenheiten genannt wurde, und es störte sie ebensowenig, daß Frau Schumacher aus Gründen, die angesichts des bewegten Vorlebens ihres Daniel auf der Hand lagen, Herrn Schumacher amtlich für tot hatte erklären lassen. Solche Scheintoterklärungen, offenbarte Kemptens Oberstaatsanwalt damals, stellten durchaus keine strafbare Handlung dar.