Auch hier irrte Karl Marx

Die Familie Hat im Zeitalter der Industrialisierung eine Umwandlung ihrer Einkommensgestaltung erfahren. Durch Jahrhunderte war sie eine Einheit von Produktions- und Konsumgemeinschaft; im Zeitalter der Industrialisierung wurde sie als Produktionsstätte ausgeschaltet. Die Produktionsfunktion wurde von den industriellen Betrieben übernommen. In der modernen Wirtschaftsgesellschaft bildet die Familie nur noch eine Konsumeinheit, deren Mitglieder von Mitarbeit und Erwerb weitgehend ausgeschlossen und somit auf den Lohn des einen Familienernährers angewiesen sind. Das früher gemeinsam erarbeitete Familieneinkommen ist vom Individualertrag abgelöst worden. Natürlich tritt die Diskrepanz zwischen Bedarf und Lohn besonders stark bei Drei- und Mehrkinderfamilien auf. Das nach der individuellen Leistung bemessene Entgelt des Ehelosen und des kinderlos Verheirateten ist ja gleich hoch wie das eines kinderreichen Vaters. Und dabei ist zu bedenken, daß die erstere Gruppe von Einkommensbeziehern das Niveau des Lebensstandards bestimmt. Trotz steigenden Sozialprodukts und erheblich ansteigender Löhne ist diese Kluft zwischen Einkommen und Familienbedarf nicht beseitigt worden. Das wiederum liegt nicht an der Industrialisierung als solcher, sondern in dem System unserer Wirtschaftsordnung, nämlich der Marktwirtschaft begründet. Die der Struktur unserer Wirfschaftsgesellschaft inhärente Diskrepanz der Einkommensverteilung muß klar in den Vordergrund gestellt werden, wenn man die sozialpolitische Begründung einer familiengerechten Einkommensgestaltung geben will. Und wer die derzeitigen familienpolitischen Maßnahmen in ihrer Begründung bekämpfen will, der muß nachweisen, daß die Begründung falsch ist; es genügt nicht, nur mögliche Gefährdungen unseres Lebensstandards aufzuweisen. Heinz Niemann, Dortmund

Ich bin Vater von vier Söhnen und einer Tochter, von denen drei verheiratet sind und selber Kinder haben. Obwohl alle meine fünf Kinder Abiturienten, vier von ihnen sogar noch in der Ausbildung befindliche Akademiker sind, mir also sehr viel Mühe und Geld gekostet haben, habe ich dies bisher nicht als "Kinderlast" empfunden. In kinderreichen Familien selber kennt man den Begriff Kinderlast nämlich nicht. Eine Mutter, die vierzehn Stunden täglich – sonntags und feiertags in erhöhtem Ausmaß einbegriffen – für ihre Kinder sorgt, empfindet dies als naturgebunden und nicht als Last. Wenn ich noch heute für meine studierenden Söhne jährlich 4000 DM zum Unterhalt beitrage, anstatt mir ein Einfamilienhaus zu bauen oder sonstige sparbegünstigte Vermögensansammlungen zu machen, dann habe ich dies bisher ebenfalls nicht als Last empfunden, sondern als meinen Beitrag zur Zukunft des Deutschen Volkes, damit später junge Menschen vorhanden sind, die durch ihre Versicherungsbeiträge dafür sorgen, daß Herr Meenzen, wenn er arbeitsunfähig geworden ist, auch seine Rente bekommt.

Willi Jonas, Flensburg

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Niemand wird behaupten können, daß alle Kinderreichen aus ethischer oder religiöser Verantwortung zu solchen geworden sind, andererseits aber liegt doch auf der Hand, daß umgekehrt Kinderlosigkeit oder Kinderarmut nicht durchweg Ergebnisse "rationalen generativen Verhaltens" im Sinne einer Verantwortung für das Ganze sind. Es kann und darf der Staat nicht unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen werden.

Es kann bei uns kaum an eine derart generöse Honorierung des Kinderreichtums gedacht werden wie etwa in Frankreich, weil dort nach dem Kriege ganz andere Gründe dafür vorhanden waren, als sie bei uns zur Zeit gegeben sind. Es ist aber entscheidend, daß das rein egoistische Streben nach immer größerem Konsum und zivilisatorischem Genuß ein bestehendes Faktum ist, das propagandistisch und durch staatliche Maßnahmen nicht weiter gefördert zu werden braucht.