G. Z., Frankfurt

In zwei Wochen wird der Präsident der Vereinigten Staaten John F. Kennedy auf einem Militärflughafen bei Hanau landen. Bis dahin werden die hessischen Gastgeber vermutlich noch manche grauen Haare bekommen. Es ist beinahe so wie bei der Ankündigung des Besuches eines Erbonkels. Die ganze Verwandtschaft möchte ihn bei sich zu Gast haben. So kämpfen deutsche und amerikanische Dienststellen erbittert und eifersüchtig um jede Minute im Reiseprogramm des amerikanischen Präsidenten.

Den Gast erwartet eine Fülle von Einladungen, und dabei ist es noch gar nicht sicher, ob die hessische Landesregierung mit ihrem geplanten Festbankett am Abend des 25. Juni in Wiesbaden überhaupt zum Zuge kommt oder ob es Kennedy nicht vorzieht, das Ende des Strapazenreichen Besuchstages im kleinen Kreis bei belegten Broten zu verbringen.

Der Pressesekretär des Weißen Hauses, Pierre Salinger, hat bereits gemeinsam mit dem Privatsekretär des Präsidenten und dem Chef des Protokolls im US-Außenministerium die Strecken abgefahren und so weit wie möglich Protokollfragen erledigt. Es wurde "Ernstfall" geübt: Die Wegbereiter des Präsidenten fuhren in Polizeibegleitung mit Blaulicht und Martinshorn zum Frankfurter Römer, und Pressechef Salinger wurde von der Stadtprominenz so empfangen, als ob er der Chef des Weißen Hauses wäre, Oberbürgermeister Bockelmann führte den Kaisersaal vor und mußte enttäuscht zur Kenntnis nehmen, daß es der US-Präsident vorziehe, von einem kleinen Podest zu den Frankfurtern zu sprechen und nicht vom Balkon des Kaisersaals, was man für wesentlich repräsentativer gehalten hatte.

Auch in der Paulskirche wurde geübt. Der erfahrene Pressechef aus Washington ließ sich vor allem darüber aufklären, wie und wo seine Kollegen placiert würden. Im übrigen war er von der historischen Stätte der deutschen Demokratie nicht wenig beeindruckt: "Ein wundervoller Rahmen..." In seiner Begeisterung für die Paulskirche setzte er sich allerdings in Widerspruch zu der Meinung der Schülerinnen und Schüler der Betina-Schule und des Goethe-Gymnasiums. Frankfurts Schuljugend würde es lieber sehen, wenn der amerikanische Präsident sich noch mehr in der Öffentlichkeit zeigen würde. Sie glauben – und wohl nicht zu Unrecht –, daß im feierlichen Halbdunkel der Paulskirche kein Platz für Jugendliche frei sein wird.

Die Hundertschaften des "öffentlichen Lebens" und der Presse, die Kennedy während seiner Reise durch die Bundesrepublik begleiten, wissen allerdings bis heute noch nicht, ob sie in der Goethe-Stadt auch ein Nachtquartier bekommen werden. Zur gleichen Zeit des Besuches tagt nämlich in Frankfurt der 6. Welt-Erdöl-Kongreß, dessen rund 6000 Teilnehmer schon seit Wochen alle verfügbaren Hotels im Umkreis von hundert Kilometern beschlagnahmt haben. Dagegen wird es dem Ehrengast an nichts fehlen. Der Leiter der Protokollabteilung der Stadt Frankfurt versicherte, daß der amerikanische Präsident nicht einmal auf seinen gewohnten Schaukelstuhl zu verzichten braucht, wenn ihm danach zumute sein sollte.

Einen besonderen Beitrag zum Kennedy-Besuch in der Main-Metropole haben sich die Gastwirte ausgedacht. Sie wollen am Jubeltage die Zapfhähne zudrehen und die Türen verrammeln, um gegen die Getränkesteuer zu protestieren. Eingedenk der alten Erfahrung, bei Kampfmaßnahmen den für den Gegner empfindlichsten Termin auszusuchen, wollen die Gastwirte genau am 25. Juni die Stadt trockenlegen. Ob bis dahin bei den Gastronomen das gesunde Erwerbsstreben nicht doch noch über den Protestentschluß siegen wird, ist allerdings noch nicht entschieden.