Die Gegenwart der Könige

Von Otto Köhler

Man verwechsle mich bitte nicht mit meinem berühmten Vorfahren", dem Romantiker Clemens von Brentano, schreibt er auf Seite 123. Gewiß nicht – wer käme schon bei der Lektüre von

Bernard von Brentano: "Schöne Literatur und öffentliche Meinung"; Limes-Verlag, Wiesbaden; 135 S., 10,80 DM

auf solch einen Gedanken. Begründet ist dagegen der vorsorgliche Hinweis: "Man steinige mich bitte nicht" auf Seite 66, den der Autor denn auch – wohl etwas, ängstlich – auf Seite 116 wiederholt.

Dieses Buch wäre keines Verrisses wert, hätte sich Bernard von Brentano in den dreißiger Jahren, nicht als brillanter Zeitkritiker hervorgetan. Der Respekt vor dem jungen Brentano gebietet, daß man ihm nicht durchgehen läßt (nicht einmal durch Ignorieren), was er heute von sich gibt.

Das letzte Buch, das Brentano wenige Monate vor Hitlers Machtergreifung bei Rowohlt veröffentlichte, enthielt eine minutiöse Schilderung des von Stahlhelm und SA ausgeübten Terrors. Bald darauf mußte er in die Emigration gehen. Denn der Titel dieses Buches kündigte zu deutlich an, was damals seinen Anfang nahm. Es hieß: "Der Beginn der Barbarei in Deutschland." Inzwischen hat ihn diese Barbarei – oder jedenfalls ihr Beginn – eingeholt. In seinem neuen Buch schreibt er: "Wehende Fahnen und marschierende Einheiten gleichmäßig gekleideter Soldaten sind ein angenehmer Anblick, und in allen Ländern, die ich besucht habe, von Moskau bis Paris, sah ich die Menschen auf die Straße laufen und erfreut aussehen, wenn eine stramm ausgerichtete Kompanie gut geführt vorbeimarschierte."

Das ist der einst radikal marxistische Zeitkritiker Brentano heute. Und er wünscht, man solle darüber nicht "aus dem Häuschen geraten", war’s doch nur eine Reflexion über "das ästhetisch Schöne", welches "uns über alle Maßen gut gefällt". Diese Einzelheit ist symptomatisch: Das ganze Buch ist – sieht man vom gelegentlichen Gebrauch des Wortes Demokratie ab – genau das, was Bernard von Brentano Goethe zu Unrecht vorwirft: "reaktionär".

Die Gegenwart der Könige

Einst, 1930, in seiner Broschüre "Kapitalismus und Schöne Literatur", schrieb er, daß die psychologische Epoche, der Versuch, den Menschen durch den Menschen zu erklären, die Kunst ruiniert habe. Der Schriftsteller solle nicht die Charaktereigenschaften schildern, welche eine Person bilden, sondern die Zustände: "Wenn wir erst einmal die Lage der Staatsanwälte dargestellt haben, werden wir auch die Staatsanwälte darstellen können." Vielleicht war das in dieser apodiktischen Formulierung übertrieben, aber es zeigte mehr Verständnis für die Aufgabe des Schriftstellers als heute sein Vorwurf gegen Gerhart Hauptmann, bei ihm würden "die Verhältnisse nicht nach den Charakteren gezeichnet, sondern die Charaktere nach den Verhältnissen", nicht der Mensch sei böse, sondern die Welt.

Allerdings hat er auch heute eine sehr prononcierte Auffassung von der "Stellung des Dichters", der er ein ganzes Kapitel widmet. Zu Beginn konnte eine freundlich gemeinte Bemerkung über Brecht ("was mich betrifft, ich schätze den Lyriker Brecht höher als den Lehrstückeschreiber") den Verdacht entstehen lassen, Bernard distanziere sich von seinem Bruder, dem bekannten CDU-Literaturexperten Heinrich von Brentano, der durch seinen tiefen Vergleich der Lyrik Brechts mit der Lyrik Horst Wessels die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der literarischen Welt auf sich zog.

Doch dieser Verdacht ist unbegründet, denn trotz gelegentlicher Differenzierungen in der Anwendung benutzen die beiden späten Brentanos die gleichen Kategorien der Literaturbetrachtung; wer dächte nicht an Heinrichs kühne Johnson-Analyse vom vorletzten Jahr, wenn er heute bei Bernard über Klopstocks Stellung zur französischen Revolution liest: "Zwei Jahre später ging Klopstock noch erheblich weiter. Er forderte den Herzog von Braunschweig auf, das Oberkommando der deutschen Armee niederzulegen. Die Gironde und Ludwig XVI. hatten Österreich und Preußen den Krieg erklärt, und die französischen Truppen waren im Anmarsch. Aber das scheint ihm entgangen zu sein. Was sollte die Nation mit solchen gefährlichen Gedankenlosigkeiten also anfangen?" Das schmeckt für Brentano nach Landesverrat.

Brentano weiter: "Merkwürdigerweise wird bei unseren Historikern dieses Verhalten Klopstocks gar nicht erwähnt oder kaum." Ihm, Brentano, erscheint es aber "sehr bemerkenswert", und er ist glücklich, daß es wenigstens noch einen "scharfäugigen Geist" gegeben hat, der das auch sah: Mussolini – nein, gewiß nicht der böse von später, sondern der, der "noch ein gescheiter sozialdemokratischer Journalist war". In seinem Verständnis für die Belange der Herrschenden ist Brentano schwer zu übertreffen. Und durch das zufällige historische Beispiel wird konkrete Gegenwart sichtbar, wenn Brentano zur Frage, ob der Dichter auch politische Kritik üben dürfe, antwortet: "Ludwig XIV. war anderer Ansicht, und ich kann ihn verstehen. Eines Tages saß Racine bei Frau von Maintenon und klagte über die schlimmen Zustände, die in Frankreich herrschten. Der König erfuhr von dem Gespräch und wurde sehr ärgerlich. Was glaubt denn dieser Mensch? fragte er. Meint er vielleicht, er. wisse alles, weil er glänzende Verse machen kann? Und will er Minister werden, weil er ein großer Dichter ist?"

In Deutschland war das Verhältnis zwischen Regierenden und Schriftstellern weniger günstig als in Frankreich, denn nach Brentanos sicherlich recht origineller Meinung standen in Deutschland die Dichter, "sozial gesehen", oben (während sie in Frankreich unten standen): "Bei uns haben Dichter wie Klopstock und Herder, ja sogar der lebenskluge Schiller es als Gnade ihrerseits aufgefaßt, als eine Gunst für ihre Fürsten, daß sie den Herren dienten, oder richtiger gesagt, daß sie eine Stelle an den Höfen der Fürsten einnahmen." Herder etwa trieb es besonders schlimm, denn er war nebenbei noch Pastor und konnte so sogar auf der Kanzel "seinem Herzen Luft machen", und zwar so sehr, daß sich die arme Herzogin von Weimar beklagen mußte: "Herder anerkenne zwar die Notwendigkeit eines Unterschieds der Stände auf der Welt, aber den Personen eines höheren Ranges werfe er angeborene Vorurteile vor, von denen diese sich nur mit Mühe frei machen könnten."

Dazu Brentano: "Ich frage mich: wie soll man das eigentlich nennen, Stolz, Hochmut oder Naivität, daß Herder solche Predigten hielt?"

Wie anders doch – nach Brentanos Meinung – bei unseren Nachbarn: "In einem Land wie Frankreich und für einen Mann wie Racine war die Gunst Ludwigs XIV. ein Bestandteil, ein Elixier seines Lebens, seines Daseins. Er hat diesen König glühend bewundert, und in einem Brief gesteht er, daß er in der Gegenwart des Königs seinen Verstand verliert."

Die Gegenwart der Könige

Es wäre indes ungerecht, wollte man nur den Inhalt dieses Buches würdigen. Man muß Brentano zugestehen, daß er jede Anstrengung unternahm, seinen einst so glänzenden und prägnanten Stil zu ruinieren. Er "persönlich" hat "Anliegen", "große Anliegen" sogar, er rührt "heiße Eisen" (nämlich Bismarck) an. Fragen "schlagen" an sein Ohr, "wie die Welle gegen das Ufer". Die Kunst hat er erfreulicherweise nie "im Auge"; denn "ein Künstler ist kein Ästhet". Vielmehr kämpft er mit dem, was "andere Zeiten die Natur genannt haben", ihm jedoch zu bezeichnen versagt ist.

Der Grund: "Meiner Generation fehlt im Augenblick dafür das Wort."