Das Heuser-Verfahren in Koblenz – Porträt eines Prozesses

Von Dietrich Strothmann

Es war kurz vor Mitternacht, zwei Minuten vor 24 Uhr. Man schrieb den 1. Juni 1962. Verborgen, hinter einem dunklen Vorhang, drückte der Henker den Hebel herunter, blitzschnell öffnete sich eine Falltür, das Seil straffte sich: Adolf Eichmann war tot, hingerichtet durch den Strang im Ramleh-Gefängnis bei Tel Aviv. Im Morgengrauen legte ein israelisches Polizeiboot vom Kai ab; Eichmanns Leiche wurde an Bord eingeäschert, seine Asche ins Mittelmeer gestreut. Die letzten Worte des „Henkers am Schreibtisch“, wie Himmlers Judenmörder Nr. 1 genannt wurde, waren: „Ich hatte den Gesetzen des Krieges und meiner Fahne zu gehorchen!’ Das geschah vor einem Jahr.

In diesen Tagen wurde in Koblenz das Urteil in dem bisher größten Kriegsverbrecherprozeß der Bundesrepublik gefällt, im Verfahren gegen den ehemaligen Chef des Landeskriminalamtes von Rheinland-Pfalz, Georg Heuser, und zehn weitere Angeklagte des SD-Mordkommandos Weißruthenien. Sie wurden schuldig gesprochen, an der planmäßigen Ermordung von über 31 000 Menschen beteiligt gewesen zu sein. Die Ermittlungen, auf über 12 000 Seiten niedergeschrieben, hatten sich über drei Jahre erstreckt; der Prozeß dauerte sieben Monate; in den sechzig Verhandlungstagen wurden Zeugen gehört, die Angeklagten vernommen, Dokumente verlesen, die Plädoyers der Ankläger und Verteidiger gehalten.

Welche Erklärungen hatten nun diese elf Männer auf der Anklagebank zur Hand, womit versuchten sie ihr mörderisches Treiben den Richtern und Geschworenen „verständlich“ zu machen? Ahmten sie etwa Adolf Eichmann nach? Wohl bemühten sie sich noch zu Beginn des Prozesses, die Schuld auf andere abzuwälzen oder sich hinter ihrem „menschlichen Versagen“ zu verschanzen. „Für mich war ein Führerbefehl eben ein Führerbefehl. Ich war ein Nationalsozialist und habe über Befehle nicht nachgedacht. Diese Judenerschießungen hielt ich, zum Wohle des Vaterlandes, für erforderlich.“ Das sagte einer von ihnen. Ein anderer redete sich heraus: „Meine Schuld ist es, daß ich geglaubt hatte, mein Vaterland werde nichts Unmenschliches von mir verlangen.“ Und ein dritter meinte: „Ich habe das innerlich abgelehnt und habe das auch verabscheut.“

Späte Reue

Kaum einer aber verfiel in das blecherne Pathos Eichmanns, rühmte sich, „für Führer, Volk und Vaterland gehandelt zu haben“. Die meisten von ihnen zeigten im Laufe der Verhandlung Reue, bekannten sich schuldig, bezichtigten sich oft selber ihrer unmenschlichen Taten. In ihren Schlußworten waren sie dann noch freimütiger, hatten sie ihr anfangs gelegentlich zur Schau gestelltes Selbstbewußtsein, ihre Verstocktheit vollends aufgegeben.“ „Ich bin mir der Schuld, die ich auf mich geladen habe, voll bewußt. Mein Bedauern gilt den Opfern.“ Das sagte Heuser.