C. L., Nairobi, im Juni

Jomo Kenyatta wurde am vergangenen Sonnabend der erste Premierminister Kenyas. In Nairobi begrüßte eine begeisterte Menschenmenge den "Mzee", den "Alten Mann", nachdem der englische Gouverneur Malcolm MacDonald ihm sein neues Amt übergeben hatte.

Es ist fast wie ein Wunder: Noch vor drei Jahren galt Kenyatta bei den englischen Kolonialherren als Führer der berüchtigten Mau-Mau-Terrorbanden. Nach seiner Entlassung aus englischer Haft erklärte ihm sowohl der rechte als auch der linke Flügel der Unabhängigkeitsbewegung den Krieg.

Nach seinem überwältigendem Wahlsieg weiß Kenyatta, daß er auf das Vertrauen der meisten seiner Landsleute zählen darf – gleichgültig wie hell oder dunkel ihre Haut ist. Er hat im Wahlkampf den Europäern, Asiaten und anderen Minderheiten versichert, daß er die Vergangenheit begraben möchte. Immer wieder hat er seinen Landsleuten zugerufen: "Laßt uns den Rassenhaß der Vergangenheit vergessen." Diese Erklärungen klangen aufrichtig, und man schenkt ihnen Vertrauen.

Im Repräsentantenhaus verfügt Kenyattas Partei, die Kenya African National Union (KANU), beinahe über eine Zweidrittelmehrheit. Den Kampf um eine führende Stellung im Senat gewann die KANU ebenfalls – wenn auch knapp. Und schließlich kontrolliert sie vier der sieben Regionalverwaltungen.

Das Wahlergebnis hat die Behauptung widerlegt, die KANU sei lediglich eine Vertretung der Kikuyu und Luo. Die Angehörigen dieser beiden Stämme stimmten zwar ausnahmslos für Kenyatta, aber es gibt kaum ein Gebiet in Kenya, in dem nicht zumindest eine starke Minderheit ihre Stimme der KANU gab.

Überrascht, hat vor allem die Haltung der Kalenjin-Stämme. Man hatte befürchtet, daß diese mächtigen Nomadenstämme sich vereint gegen eine Regierung Kenyatta wehren würden. Das Wahlergebnis jedoch zeigt, daß es auch unter den Kalenjins Freunde des "Brennenden Speers" gibt. Kenyattas Regierung ist keineswegs nur die Vertretung einiger Stämme oder Provinzen. Sie ist die einzige nationale Regierung, die heute in Kenya gewählt werden könnte. In Kenyattas Kabinett sind Repräsentanten der meisten größeren Stämme, der asiatischen und der europäischen Gemeinschaften vertreten.