Köln

Klettenberg ist ein ziemlich feines Wohnviertel von Köln. Die ganz feinen Leute wohnen zwar in Marienburg, Junkersdorf oder im Frankenforst. Aber Köln-Klettenberg als Adresse verleiht auch schon Prestige. Die Grundstückspreise sind hoch, dafür sind die Straßen ruhig und die Häuser gepflegt. Wert dort siedelt, tut es in der Gewißheit, daß er sich in guter Gesellschaft befindet. Dieser Ansicht war jedenfalls die Siedlergemeinschaft der "Katholischen Arbeiter-Bewegung" (KAB), als sie sich entschloß, mit Unterstützung der Klettenberger Pfarre St. Bruno in der Oberpleiser und Thomasberger Straße 56 Eigenheime zu bauen.

Die Interessenten losten die Bauplätze in den beiden Straßen untereinander aus und warteten fünf Jahre, bis die Stadtverwaltung ihnen die Baugenehmigung erteilte. "Ein Leben lang haben wir für unser Haus gespart und gearbeitet", seufzte jetzt eine Frau aus der Oberpleiser Straße. Im vergangenen Jahr hatten sie es geschafft. Sie zogen ein und schmückten ihr Heim, wie sie sich es ein Leben lang vorgestellt hatten: An der Straßenfront mit einem Vorgarten, auf der Rückseite mit einer Terrasse und einem Streifen englischem Rasen, dekoriert mit Rosenstöcken, Stiefmütterchen-Rabatten und Ziertannen.

Dennoch sind die KAB-Siedler jetzt unglücklicher als je zuvor: Unmittelbar in ihrer Nachbarschaft erstellte die Stadtverwaltung zur gleichen Zeit vier Übergangshäuser "eines gewissen unterdurchschnittlichen Typs" für sozial labile Familien. Die KAB-Siedler können diese Nachbarn nicht als passende Gesellschaft für Köln-Klettenberg empfinden und fühlen sich betrogen. Schon als die Baupläne der Verwaltung ruchbar wurden, hatten die Bürger protestiert. Sie waren offiziell nicht dagegen, sondern meinten nur, Übergangshäuser seien keine "echte Lösung".

Seit Jahren versucht die Stadt Köln, ihre Obdachlosen durch die Übergangshäuser, die mit einfachen Mitteln gebaut sind, wieder an normales Wohnen zu gewöhnen. Leute, die in früheren Wohnungen die Miete nicht bezahlten, durch die Stadtplanung aus ihren Unterkünften verdrängt wurden oder in Barackenlagern lebten, sollen in diesen Häusern auf ihre "Förderungswürdigkeit" geprüft werden. Die besten Urteilsmöglichkeiten habe man, so hieß es, wenn die Leute in größeren Wohnzentren untergebracht seien.

Nach und nach erhielt jeder Stadtteil seine Übergangshäuser – nun auch Klettenberg. Den KAB-Siedlern wurde jedoch versichert, daß die Bewohner der Übergangshäuser keinen Zugang in die Oberpleiser und Thomasberger Straße hätten. Der wurde verbaut, nicht mit Häusern, sondern mit einem Maschendrahtgitter, das mit drei Lagen Stacheldraht gekrönt wurde. Auf diese Weise wurde den 168 Familien der Übergangshäuser der nächste Weg zur Kirche, Schule und Einkaufszentrum versperrt. Um dorthin zu gelangen, mußten sie den nicht unbeträchtlichen Umweg über die Geisbergstraße in Kauf nehmen. Den kürzeren Weg durch die Straßen der feinen Leute durften sie nicht gehen. Um den Einfamilien-Hausbesitzern zudem noch den Anblick der Übergangshäuser zu ersparen, versprach man, das Maschendrahtgitter mit schnellwachsenden Pappeln zu verdecken.

Aber das Ärgernis war damit nicht aus der Welt zu schaffen. Die Bewohner der Übergangshäuser scheuten sich nicht, ihre Unterkünfte mit einem Getto oder Konzentrationslager zu vergleichen. Nach drei Tagen schritt Pfarrer Einck von der Pfarre St. Bruno ein: "Das ist eine unglückselige Geschichte", sagt er. "Vor Komplikationen habe ich sofort gewarnt. Aber so ging es auch nicht." Das Maschendrahtgitter erhielt ein Tor. Das war im vergangenen Jahr. Die Bewohner der Thomasberger und Oberpleiser Straße sind der Meinung, daß sie seitdem keine ruhige Minute mehr hatten. "Rund sechshundert Kinder wohnen in den vier Häusern", jammert die Frau in der Oberpleiser Straße Nr. 16. "Die verrichten ihre Geschäfte am Zaun, schneiden Löcher in den Maschendraht und kriechen auf meine Garage, um sich Krapfen aus der Küche zu stiebitzen. Nachts halten Taxen am Tor, und ich kann nicht schlafen, weil die Leute von den Übergangshäusern um die Preise feilschen. Sie waschen ihre Wagen am Sonntag und ihre Kinder spielen auf unserer Straße."