R. B., Berlin, im Juni

Seit Willy Brandt den Vorschlag gemacht hat, die Olympischen Spiele 1968 in der geteilten Stadt abzuhalten, ist der Plan in Ost und West wortreich diskutiert – und kritisiert worden. Ulbricht ließ im "Neuen Deutschland" Empörung kundtun: Er sei nicht gefragt worden. Der Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, Dr. Rainer Barzel, nahm die Sache zum Anlaß einer Agitation. Und der Bundesminister Hoecherl rief besorgt bei dem Berliner Senator für Jugend und Sport an: "Aber da muß doch ein ganzes Olympisches Dorf gebaut werden!"

Die Olympischen Spiele 1968 sollten – dies war die Vorstellung von Brandt – nicht nur Prestige und wirtschaftliche Vorteile in die gastgebende Stadt bringen, sondern vor allem Entspannung und vielleicht sogar Frieden für lange Jahre. Die westlichen Gegner des Planes aber argumentierten, Ulbricht würde – wie Hitler im Jahre 1936 – durch die Olympiade im politischen Kurs zwangsläufig steigen.

Noch weiß niemand, wie die Sache weitergeht und was der DDR-NOK-Präsident Schöbel dem Mister Brundage bei ihrer Unterredung erzählte. Vorläufig sieht es so aus, als ob der Partei- und Staatschef der DDR noch auf das Machtwort des großen Bruders in Moskau wartete. Immerhin könnte es sein, daß die Russen 1968 ihre Athleten lieber nach Berlin als nach Mexiko-City reisen lassen möchten. Dies einmal wegen des günstigeren Klimas und zweitens, weil in der geteilten Stadt die Probleme der "Abschirmung" wohl doch leichter gelöst werden können als im fernen Ausland.

Eines freilich scheint im Augenblick noch unlösbar. Die Gesetze der Olympiade sehen vor, daß die Bewohner der gastgebenden Stadt die Spiele ungehindert besuchen dürfen. Und die Mauer?

Was gegenwärtig noch unlösbar scheint, mag während der nächsten Jahre durch ein für beide Seiten attraktives Arrangement zu regeln sein. Jedenfalls liegt hier eine Chance, die auf dieser Seite der Mauer nicht durch vorschnelle Reaktionen zerstört werden sollte.