Amsterdam, Anfang Juni

So ein modernes Schließfach in der Bahnhofshalle ist unerhört praktisch. Vorausgesetzt, es ist nicht besetzt, man hat drei Groschen, die in den Schlitz passen, das Glück, daß der Schlüssel schließt, dazu ein Köfferchen, das klein genug ist und keine Dame in der Nähe.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, steht eigentlich nichts im Wege, seine Reise zu unterbrechen und sich unbeschwert zu einem kleinen Stadtbummel aufzumachen, bis der nächste Zug geht. Zumal wenn keine drei Schritt vom Bahnhof ein Viertel lockt, um das in den Erzählungen erfahrener und weitgereister Seeleute viel Garn gesponnen wird.

Die Amsterdamer Bahnhofshalle erfüllte die Voraussetzungen. Dreißig Cents, der Schlüssel schloß, keine Dame war in Sichtweite, aber dafür das Zeedijk, Man braucht nur aus der Halle zu treten, eine Brücke zu überqueren und links einzubiegen. Zeedijk ist das Hafenviertel Amsterdams: Enge Gassen. Schwere amerikanische Wagen drängen sich zwischen bunten Matrosen, gemütlichen Matronen und vielversprechenden Geschöpfen. Die Bars, Kneipen, Restaurants, offene Tür an offener Tür, verlocken durch ihre behäbige Gemütlichkeit. Ein Polizist beruhigt zwei blutende Nasen und das schwarzhaarige Mädchen, das wie auf einem Präsentierteller neben ihrem weißen Telephon hinter einem großen Fenster sitzt, zieht den Vorhang zu, und eine Tür fällt leise ins Schloß. Musikboxen, Autohupen, Pommes-frites-Verkäufer, und immer wieder die schmalen Gassen, die ein verwirrendes Knäuel zu bilden scheinen. Aber es scheint nur so, denn irgendwann und meistens sehr bald stößt man nach einigen Kreuz- und Quergängen auf Kanäle und Brücken, auf die Amsterdamer Grachten, die, hat man sie sich einmal auf dem Stadtplan eingeprägt, einen wissen lassen, wo die Bahnhofshalle mit den Schließfächern liegt.

Es waren, ich versichere es, nicht die engen Gassen der Lustbarkeit, die mich bewogen, mein Köfferchen aus dem Schließfach zu holen und zu bleiben, es war halt alles so urgemütlich in Amsterdam.

Schon in den Lokalen. Da liegen nicht selten Perser auf den Tischen – ob echte oder unechte sei dahingestellt. Beispielsweise in den traditionellen, altholländischen Restaurants: t’Swarte Schaep oder im Old Nickel. In diesem hängt über dem Kamin eine Kollektion internationaler militärischer Insignien und Soldbücher, die den amerikanischen Seemann mit dem gebrochenen Arm recht nachdenklich stimmten. Vielleicht rührte seine Melancholie aber auch von den fünf Glas Genever her, die er innerhalb van zwei Minuten kippte. "Jedre Dag een Glaasje" fordern die Lichtreklamen, und sie meinen damit nicht Milch. Denn Genever ist gesund, meinen die Holländer und verstehen die Pariser nicht, die in ihrer Metro plakatieren: Sante, soberiete, lutte contre l’alcoolisme.

Die Perser auf den Tischen hatten Brandlöcher, und die Serviererin meinte es zu gut: Die Teller waren so angewärmt, daß man sich die Finger verbrannte, und das Schnitzel so groß, daß der melancholische Amerikaner auch noch hätte satt werden können. Reichlich, gut bürgerlich und zu angemessenen Preisen kann man überall in Amsterdam essen. Mit Getränken, Vor- und Nachspeisen und einem Kaffee zahlt man zwischen sieben und zehn Mark. Man kann italienisch essen in der Pergola; man kann im "Havenrestaurant" essen, mit einen Blick über Hafen und Stadt. Man kann in Imbißhallen schnell essen und in zwanzig chinesischen und indonesischen Restaurants es mit Stäbchen versuchen. Der Amsterdamer Verkehrsverein hat säuberlich alle Lokale, Kneipen und Bars in einem Faltblättchen aufgezeichnet. Es ist, wie das Verzeichnis mit den Hotels, verläßlich, man ärgert sich nicht, richtet man sich nach ihnen.