Berlin, im Juni

Eine Erweiterung des Güteraustausches zwischen der DDR und Westberlin hat jetzt in Potsdam Heinz Behrendt vorgeschlagen, der als Verhandlungspartner Kurt Leopolds von der Bonner Treuhandstelle für Interzonenhandel seit Monaten im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht. In Potsdam machte Behrendt genau das, was am 24. April der sowjetische Handelsrat Krutko auf seinem Ostberliner Empfang unternahm: Krutko warb dafür, den Berlin-sowjetischen Handel zu vergrößern, Behrendt tat nun das gleiche für den Berlin-mitteldeutschen Bereich.

Auch in ihrem Stil glichen sich die beiden Veranstaltungen: sie waren betont unpolitisch, wenn auch weiter gesteckte politische Ziele damit verfolgt werden. Krutko vermied es, die abweichende Auffassung seiner Regierung über den Geltungsbereich des Handelsabkommens mit der Bundesrepublik zu erwähnen – die Auffassung also, daß das Abkommen für Westberlin keine Geltung habe. Behrendt verzichtete darauf, das übliche Lied von der "freien", also von Bonn unabhängigen Stadt Westberlin zu singen. Er wollte nur eine Ausweitung des Handels unter den bestehenden Verhältnissen, im Rahmen des "Berliner Abkommens", wie der am 20. September 1951 abgeschlossene Interzonenhandelsvertrag offiziell heißt.

Behrendt hatte für diesen Zweck eine der regelmäßigen Begegnungen zwischen Westberliner Kaufleuten und Ostberliner Angehörigen der staatlichen Handelskontore benutzt. Solche Treffen werden formell von dem "Ausschuß zur Förderung des Berliner Handels" organisiert. Vor kurzem fand eine ähnliche Veranstaltung vom "Ausschuß zur Förderung des deutschen Handels" arrangiert, in Weimar statt.

Diesmal aber hatten die Berliner Organisatoren – und maßgeblich dürfte daran der Hauptabteilungsleiter im DDR-Ministerium für innerdeutschen und Außenhandel, Heinz Behrendt, beteiligt gewesen sein – zwei Fehler begangen: Sie zwangen ihre Gäste, zunächst nach Ostberlin zu fahren, dort auf dem Hackeschen Markt in Omnibusse umzusteigen und dann in einem großen Bogen um Westberlin herum nach Potsdam zu reisen. Einfacher und weniger zeitraubend wäre der Weg über die Glienicker Brücke gewesen, von wo aus man Potsdam in 10 bis 12 Minuten erreicht.

Der zweite Fehler der Ostberliner Organisatoren: sie ließen keine Journalisten zu. Die Agenturen und Zeitungen mußten daher aus zweiter Hand berichten und fielen irrigen Darstellungen zum Opfer. DPA beispielsweise berichtete: "Nach Mitteilung eines Teilnehmers haben die Pankower Handelsfunktionäre, wie erwartet, erneut versucht, Westberlin auch als wirtschaftlich selbständiges Gebiet, das nicht zur Bundesrepublik gehöre, hinzustellen". Behrendt hatte "gute Geschäfte" in Aussicht gestellt. Er "habe aber erklärt, daß die Westberliner Kaufleute allerdings zuvor mehr auf den Senat einwirken sollten, mit den Behörden der Zone direkt in Verbindung zu treten". Davon aber war in Behrendts Referat überhaupt nicht die Rede. Hätte Behrendt für die Zulassung von Journalisten Sorge getragen, wären solche irrigen Darstellungen wohl vermieden worden....

Kaum aber war die DPA-Meldung erschienen, da starteten die meisten Westberliner Zeitungen eine Diffamierungskampagne gegen die Kaufleute, die in Potsdam waren. Die Morgenpost schrieb: "SED lockt Westberliner mit ‚guten Geschäften’." Die BZ fügte hinzu: "100 Westberliner Kaufleute waren sich für den Ausflug nach Potsdam nicht zu schade", und stellte die Frage: "Seit wann machen unsere Kaufleute in hoher Politik Der Abend bemerkte: "Als Kaufleute werden sie vermutlich ohnehin nicht allzu begeistert sein. Wer sich nämlich in Potsdam eine Flasche Krimsekt oder Kaviar kaufen wollte, konnte das nur zum Kurs 1 : 1 tun".

Freilich war von "hoher Politik" in Potsdam nicht die Rede. Behrendt benutzte, wie seit Jahren, den "Ausschuß zur Förderung des Berliner Handels" als Ablageplatz für Forderungen, die er bei Verhandlungen mit Dr. Leopold nicht oder noch nicht durchsetzen kann. Er klagte über die Widerrufsklausel, die dem Bundeswirtschaftsminister die Möglichkeit gibt, bei Störungen im Personenverkehr nach Berlin nicht nur das Abkommen zu kündigen, sondern auch die wichtigsten Lieferungen sofort zu sperren. Er verwünschte die Barzahlungsklausel, die beide Parteien verpflichtet, einmal im Jahr, am 30. Juni, ihre Konten zu begleichen. Er sprach zwei Stunden lang und eröffnete dabei den Plan, Westberlin in einem größeren Maße als bisher in den Interzonenhandel einzubeziehen.

Am Handel zwischen Berlin und der DDR tauchen andere Probleme auf als in den Beziehungen zwischen Berlin und der UdSSR. Sie liegen genau umgekehrt: Krutko klagte auf seinem Empfang darüber, daß die Berliner so wenig russische Waren kaufen, Behrendt beklagte sich, daß die DDR so wenig Handelsgüter in Westberlin erwirbt. Das aber ist nun nicht ein Versagen Westberlins, sondern die Schuld der Chefeinkäufer in den DDR-Handelskontoren. Sie vermieden es bisher, die "Frontstadt" in ihre Geschäfte einzubeziehen. Heute wissen sie, wie Behrendt einräumte, nicht einmal, welche Produktionskapazitäten diesseits der Mauer noch frei sind.

Hohe Politik war es auch nicht, was sich am Nachmittag in den Ausschüssen zutrug. Hier haben die Kaufleute Gelegenheit, ihre Beschwerden vorzubringen. Das klassische Beispiel dafür ist die Verärgerung über die Schwierigkeiten in der Passierscheinfrage für Interzonenhändler. Die staatlichen Handelskontore beantragen sie regelmäßig, der Staatssicherheitsdienst aber gewährt sie nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten. Außerdem ist für jeden Passierschein ein bestimmter Sektorenübergang vorgeschrieben. Was soll nun der Berliner Handelsvertreter machen, wenn er einen westdeutschen oder ausländischen Fabrikdirektor, der im Flugzeug kam, zu Verhandlungen nach Ostberlin bringen will. Er selber muß im Norden der Stadt über die Chausseestraße fahren, sein Gast aber ist angewiesen, als Ausländer, den Übergang Friedrichstraße, als Bundesrepublikaner, die Heinrich-Heine-Straße zu benutzen. So kommt es, daß man sich in Ostberlin verpaßt, da die Wartezeiten an den einzelnen Kontrollstellen sehr unterschiedlich sind.

Ihnen ist es kein Trost, daß ihre Potsdamer Gesprächspartner selber ihre Last mit ihrer Mauer haben: Die Zahl der Ostberlin-Besucher, vor allem aus dem Ausland, ist seit dem August 1961 stark zurückgegangen. Aber das DDR-Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten vermag nicht mehr Mitarbeiter freizugeben, die an der Friedrichstraße die notwendigen Visa ausstellen könnten, und auch der Staatssicherheitsdienst kann die Zahl seiner Kontrollbeamten nicht erhöhen, um den Schwall der westdeutschen Besucher zu bewältigen. Sollte sich aus all dem ergeben, daß Ulbricht die Passierscheine für Westberliner auch deswegen nicht gewährt, weil er dem Besucherstrom organisatorisch nicht gewachsen ist?

René Bayer