Freilich war von "hoher Politik" in Potsdam nicht die Rede. Behrendt benutzte, wie seit Jahren, den "Ausschuß zur Förderung des Berliner Handels" als Ablageplatz für Forderungen, die er bei Verhandlungen mit Dr. Leopold nicht oder noch nicht durchsetzen kann. Er klagte über die Widerrufsklausel, die dem Bundeswirtschaftsminister die Möglichkeit gibt, bei Störungen im Personenverkehr nach Berlin nicht nur das Abkommen zu kündigen, sondern auch die wichtigsten Lieferungen sofort zu sperren. Er verwünschte die Barzahlungsklausel, die beide Parteien verpflichtet, einmal im Jahr, am 30. Juni, ihre Konten zu begleichen. Er sprach zwei Stunden lang und eröffnete dabei den Plan, Westberlin in einem größeren Maße als bisher in den Interzonenhandel einzubeziehen.

Am Handel zwischen Berlin und der DDR tauchen andere Probleme auf als in den Beziehungen zwischen Berlin und der UdSSR. Sie liegen genau umgekehrt: Krutko klagte auf seinem Empfang darüber, daß die Berliner so wenig russische Waren kaufen, Behrendt beklagte sich, daß die DDR so wenig Handelsgüter in Westberlin erwirbt. Das aber ist nun nicht ein Versagen Westberlins, sondern die Schuld der Chefeinkäufer in den DDR-Handelskontoren. Sie vermieden es bisher, die "Frontstadt" in ihre Geschäfte einzubeziehen. Heute wissen sie, wie Behrendt einräumte, nicht einmal, welche Produktionskapazitäten diesseits der Mauer noch frei sind.

Hohe Politik war es auch nicht, was sich am Nachmittag in den Ausschüssen zutrug. Hier haben die Kaufleute Gelegenheit, ihre Beschwerden vorzubringen. Das klassische Beispiel dafür ist die Verärgerung über die Schwierigkeiten in der Passierscheinfrage für Interzonenhändler. Die staatlichen Handelskontore beantragen sie regelmäßig, der Staatssicherheitsdienst aber gewährt sie nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten. Außerdem ist für jeden Passierschein ein bestimmter Sektorenübergang vorgeschrieben. Was soll nun der Berliner Handelsvertreter machen, wenn er einen westdeutschen oder ausländischen Fabrikdirektor, der im Flugzeug kam, zu Verhandlungen nach Ostberlin bringen will. Er selber muß im Norden der Stadt über die Chausseestraße fahren, sein Gast aber ist angewiesen, als Ausländer, den Übergang Friedrichstraße, als Bundesrepublikaner, die Heinrich-Heine-Straße zu benutzen. So kommt es, daß man sich in Ostberlin verpaßt, da die Wartezeiten an den einzelnen Kontrollstellen sehr unterschiedlich sind.

Ihnen ist es kein Trost, daß ihre Potsdamer Gesprächspartner selber ihre Last mit ihrer Mauer haben: Die Zahl der Ostberlin-Besucher, vor allem aus dem Ausland, ist seit dem August 1961 stark zurückgegangen. Aber das DDR-Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten vermag nicht mehr Mitarbeiter freizugeben, die an der Friedrichstraße die notwendigen Visa ausstellen könnten, und auch der Staatssicherheitsdienst kann die Zahl seiner Kontrollbeamten nicht erhöhen, um den Schwall der westdeutschen Besucher zu bewältigen. Sollte sich aus all dem ergeben, daß Ulbricht die Passierscheine für Westberliner auch deswegen nicht gewährt, weil er dem Besucherstrom organisatorisch nicht gewachsen ist?

René Bayer