Von Ivan Nagel

Das Buch "Ansichten eines Clowns" ist eine ergreifende Liebeserzählung und ein hart, schmerzlich angreifender Gesellschaftsbericht. Ein bedeutender Roman wird es aber erst kraft der Einheit beider Leistungen.

Marcel Reich-Ranicki bestreitet diese Einheit und deshalb auch die Bedeutung der "Ansichten". Er meint, die gescheiterte Leidenschaft des Privatmannes Hans Schnier für Marie Derkum habe wenig oder nichts mit der gescheiterten Rebellion des Industriellensohnes Hans Schnier gegen Wirtschaft, Kirche und Politik zu tun. Uns scheint dagegen, daß hier aus einer einzigen Erfahrung der Wirklichkeit zwei unvergeßliche Bilder hervorgegangen sind, die ohne einander weder entstehen noch bestehen könnten: die Bilder des richtigen und des falschen Lebens.

Das Bild des richtigen Lebens trägt bei Heinrich Böll, man hat es ihm oft genug vorgeworfen, bürgerliche, ja kleinbürgerliche Züge. Hans Schnier liebte Marie Derkum, er hat nie eine andere geliebt und wird nie eine andere lieben. Er will Kinder von ihr haben und für die Seinen in dem Beruf arbeiten, für den er sich geschaffen fühlt. Von allen Figuren der deutschen Literatur ist ihm die Inkarnation des Biedermeier, Raimunds Valentin, am tiefsten verwandt. Aber Valentin ist glücklicher Ehemann, Vater und Tischlermeister – Hans Schnier ein unverheirateter, kinderloser Clown. In einer Welt, die sich dem falschen Leben hingegeben hat, läßt sich das Richtige nur in seiner Umkehrung erfahren: das Sakrament der Ehe in der unehelichen Liebe, die Heiligkeit des Berufs im Außenseitertum.

Einzig diese Erfahrung als Liebender und Clown (die Gewißheit des richtigen Lebens) legitimiert Hans Schnier in den Augen seines Autors dazu, das falsche Leben als solches zu erkennen und anzuprangern. Daher die skrupulöse Scheu, mit der Böll dem eigenen gesellschaftsdiagnostischen Impuls verbietet, über die Grenzen der individuellen, ja privaten Erfahrung seines "Helden" hinauszugreifen.

Diese strenge Selbstbeschränkung wird von Reich-Ranicki, der weder ihre ethische noch ihre werkimmanent-künstlerische Notwendigkeit sieht; als Beschränktheit angegriffen ("...er zählt nur Symptome auf und dringt zu den Ursachen der Phänomene niemals vor"). In Wahrheit verleiht solche Bescheidung der Böllschen Kritik am bundesrepublikanischen "Establishment" eine Glaubwürdigkeit und Integrität, mit der es kein kulturkritisch gebildeter Generationsgenosse Bölls aufnehmen kann. Die kurzen und genauen, Ton keiner verallgemeinernden Prätention belasteten Schilderungen, die hier von der bürgerlichen Ehe (die von Haß erfüllt ist und der äußeren Respektabilität zuliebe fortbesteht), vom bürgerlichen Beruf (der als lästige Pflicht oder um der finanziellen, geistlichen und politischen Macht willen betrieben wird) gegeben werden – sie wirken mit einer reinen Authentizität, die das Kennzeichen bedeutender Kunst ist.

Wie die Darstellung von keiner theoretischen, so wird die Form von keiner technischen Prätention getrübt. Die überaus vielfältigen Rückblenden, die der Bericht in sein Fortschreiten einbezieht, sind frei von selbstgefälliger Virtuosität. Trotz der Häufigkeit, mit der sie heute in Roman und Film verwendet werden, wirken sie hier nicht als durchsichtige Kunstgriffe, sondern als Selbstverständlichkeit. Denn sie haben nicht den Rhythmus des artistischen Machens, sondern den eines menschlichen Herzens: Der Erzähler Hans Schnier lebt in ihrem Rhythmus des Handelns und Sich-Erinnerns. Im neuen Buch Heinrich Bölls ist Schlichtheit nicht Programm, sondern verwirklichte Erfahrung. An den wenigen, sehr wenigen Stellen freilich, wo sie Programm bleibt, zeigen sich die Gefahren des Böllschen Temperaments: anti-intellektueller Affekt und Rührseligkeit.