Von Peter Mörser

Die Bundesbahn ist unser aller Landverkehrsmittel der Zukunft. Das wird sich schon noch zeigen, wenn erst jeder dritte Bundesbürger ein Auto hat. Schon jetzt werden die Autoverladezüge immer populärer. Auf die Frage: "Was tut die Bundesbahn für diese ihre Zukunft?" sind in diesem Frühling einige positive Antworten erhältlich. Ich natürlich als ewig unbefriedigt Liebender kann die andere Frage nicht unterdrücken: Was versäumt die Bundesbahn für diese ihre Zukunft? Aber auch darüber gibt es manches Positive zu sagen: Nicht umsonst ist unter den vielen heillos hierarchischen Institutionen unseres demokratischen Rechtsstaates die Bundesbahn diejenige, die am wenigsten angefochten wird. In England gelangen Fragen nach gewissen notorischen Zugverspätungen unter Umständen bis ins Unterhaus – hierzulande aber genügt es, dem vermessenen Bundesbahn-Kritiker entgegenzuhalten: "Fahren Sie doch Auto!" – und er tut es wirklich. Denn die Bundesbahn hat keine "Fans".

Außer mir. Autofans dagegen gibt es zu Hauf. Was ich für die angemaßte Mission des Bundesbahn-Kritikers mitbringe? Immerhin die Erfahrungen eines Bundesbahn-Normalverbrauchers mit etwa 25 000 Kilometern im Jahr.

Die Bundesbahn ist Eigentum des Volkes – dem Buchstaben nach. Dem Geiste nach sind nur die Defizite der Bundesbahn Eigentum des Volkes. Der "kleine Beamte", dem nur der Kontakt mit seinem Arbeitgeber, nämlich dem Volke, überlassen bleibt, glänzt zwar durch Pünktlichkeit und Pflichtbewußtsein – seinem Arbeitgeber, also dem Volk, zeigt er aber in erster Linie nur diese eine Miene: Griesgrämigkeit. Das Volk ist für ihn Substrat, Transportgut. Sperrige Güter und solche, die sich nicht fügen, sind von der Beförderung auszuschließen, insbesondere von der Beförderung zum Bundesbahnobersekretär. Im Anfang war die Dienstvorschrift. Und daß wir überhaupt befördert werden, das verdanken wir der Tatsache, daß der "kleine Beamte" die Dienstvorschrift nicht so genau ausführt, wie man sie ausführen könnte, wenn man wollte ...

Das Volk, will sagen das Transportgut, zahlt, schweigt und wird befördert. Jede weitere Frage ist Sakrileg. "Warum stehen wir hier so lange?" Wer so fragt, ist gefährlich und taktlos, auch im "Rheingold", einem der schnellsten Züge. Oder: "Warum werden die Dienstabteile nicht abgeschafft – Der Eisenbahner sitzt niemals im Dienst, wenn es nicht vorgeschrieben ist. Er steht oder läuft umher. Das tut er seit jener Zeit, die ihn geprägt hat: der wilhelminischen. Wenn er aber sitzt, braucht er dazu ein ganzes Abteil, das Dienstabteil, und wenn noch soviel "Volk" im Gang steht. Denn das Dienstabteil birgt die Dienstgeheimnisse. Meist aber sitzen die Dienstgeheimnisse allein in ihrem Abteil – und hätten doch so gern Gesellschaft. Die Dienstvorschrift garantiert so die Beschränkung des Kontaktes mit dem "Volk". Spricht man den Bundesbahnen dennoch an wegen irgendeines Ärgernisses, taktloserweise, so weiß er nicht Bescheid und will auch keinen Bescheid wissen. Bescheidwissen scheint gefährlich zu sein. Der Bahnbetrieb ist wie ein hoher geheimer Kult.

Fährt man nun öfter mit demselben Zug, der sich notorisch verspätet, so gelingt es bisweilen auch einem Laien, durch geduldige Beobachtung das Betriebsgeheimnis zu lüften. Meistens ist es Mangel an Improvisation und an Improvisationsbereitschaft, denn Reibungen sind ja in einem derart komplexen Betrieb unvermeidlich.

Groteske Beispiele: Ein Eilzug ist mit Maschinenschaden liegengeblieben. Ein Stationsvorstand schickt die auf den Eilzug wartenden Reisenden "improvisiert" mit dem fahrplanmäßigen F-Zug "Komet" weiter, zuschlagfrei. Der Zugführer des "Komet" protestiert. Menschen ohne Zuschlag im "Komet": Nein! Er will es schriftlich kriegen – und er muß es schriftlich haben: Denn an den Aussteigbahnhöfen protestieren die Sperrenbeamten. Fazit: Auch der "Komet" kriegt die Verspätung mit – und das kann den "Improvisator" teuer zu stehen kommen.