Idole fallen auf die Nerven

Ins Ausland zu fahren und fürs Ausland zu schwärmen, ist beileibe kein Nebenprodukt unseres Wohlstandstourismus; es ist seit eh und je bei uns gang und gäbe. Und schon immer war das klassische Land der deutschen Sehnsüchte Italien. Nach Italien zogen die deutschen Kaiser, nach Italien zogen und ziehen die Millionen deutscher Bildungspilger und Andenkenjäger. Der für so vieles beweiskräftige Goethe besang bezeichnenderweise die Tugenden der Griechen; gereist ist er aber nach Italien – wie Winckelmann, Herder, Hebbel, Wagner und so viele andere unserer großen Geister.

Indes, die klassischen Ziele unseres Schwärmens veränderten sich im Laufe der Jahre. Ein Grund für diese neue Orientierung liegt sicher darin, daß man die Repräsentanten jener Länder, die man in Ferien- oder Bildungsstimmung umschwärmt, jetzt in unmittelbarer Umgebung hat... als Gastarbeiter.

Wer – etwa in Neapel – heftig gestikulierenden, schwarzgelockten Italienern zusieht, ist begeistert und verfertigt serienweise Bilder fürs Familienalbum. Wer dieselben Leute in Köln oder München am Bahnhof lamentieren hört, fühlt sich nicht selten abgestoßen, zumindest nicht zu Sympathien ermuntert. Daß Südländer auch hierzulande in ihren heißblütigen Auseinandersetzungen mitunter ein Messer als letztes Argument benutzen, ist geradezu schockierend – auf der Urlaubsreise freilich wäre man geneigt, eine Messerstecherei als folkloristische Sondervorstellung zu betrachten. Aber noch immer haben die Italiener unter allen Gastarbeitern die größten Heiratschancen.

"Bei dem 50. Jugendtanztee der Stadt Recklinghausen empfingen 1200 junge Einheimische ihre 40 kongolesischen ‚Neubürger‘ herzlich und stürmisch. Schon bei dem ersten Zeichen ‚Damenwahl‘ waren alle schwarzen Partner sofort vergriffen." Eine große Zeitung des Ruhrgebietes überschrieb mit der Schlagzeile: "Teenager reißen sich um Kongolesen". Bei Italienern versteht sich das von selbst.

Jedweder Volkscharakter bedarf zwangsläufig seiner ihm gemäßen Umwelt. Ein jodelnder Tiroler in Lederbüxen auf Sylt – wer schüttelte sich nicht? Die Italiener werden sich daran gewöhnen müssen, daß wir uns unseres Klimas vegen vorwiegend im heimischen Wohnzimmer unterhalten und nicht den Bahnhof zum Platz unseres Schwätzchens machen.

Die Frage bleibt, inwieweit der rein wirtschaftlich motivierte Zuzug von Gastarbeitern soziologisch zu verarbeiten ist. Man denke auch nur an die unterschiedlichen Rechtsordnungen.

Vor einigen Jahren geriet in Heidelberg ein junger Afghane mit den deutschen Gesetzen in Konflikt. Seine Tat: Er hatte sich an einer ihm unbekannten Studentin in brutaler Weise vergangen. Der Afghane gestand und bot seinem Opfer – die Ehe an. In seiner Heimat hät:e er damit seine Tat gesühnt und wäre straffre. geblieben. Hier wurde er verurteilt – er verstand die Welt nicht mehr.

Idole fallen auf die Nerven

Bei der Sorge um unsere Wirtschaft blieb das Menschliche gar zu oft auf der Strecke. So schickte man denn, wie das Gelsenkirchener Steinkohlenbergwerk "Graf Bismarck", aus Gründen der Arbeitsmoral achtzehn spanische Gastarbeiter wegen Arbeitsverweigerung in ihre Heimat zurück, anstatt sich zu überlegen, daß der spanische Stolz oft eine sichtbare Verachtung allen Tätigseins vorschreibt.

Die wechselseitige Gewöhnung braucht Zeit. Schwierigkeiten gibt es auf beiden Seiten. Sie bestehen nicht zuletzt darin, daß wir – anders als Italien, Frankreich, Schweiz und Österreich – nicht zu den klassischen Ferienländern zählen. Infolgedessen mußten wir unsere Auslandsschwärmerei stets im Ausland realisieren. Vielleicht ist sie auch dadurch erst entstanden. Das aber verzerrte die Perspektiven. Nun werden diese bereits verzerrten Perspektiven neuerlich verzerrt. Denn die Idole unserer Schwärmerei ziehen nicht über die Alpen, um einen historischen Reiserückstand aufzuholen. Ebensowenig sind sie hier, um uns Gelegenheit zu bieten, den Wahrheitsgehalt unserer Klischees zu ermitteln. Vielmehr: sie wollen Geld verdienen.

L. H.