Die Dame, die ich im Restaurant der 24 000 BRT großen "Orion" traf, schwärmte noch von ihrer Kreuzfahrt durch die Antillen. "Kinder", hatte sie danach gesagt, "wenn wir nach Hamburg zur IGA fahren, müssen wir unbedingt auf dem Hotelschiff wohnen." So bekämen, dachte sie, auch die Kinder immerhin einen Eindruck vom herrlichen Leben an Bord eines großen Schiffes. Nach den ersten zwei Tagen auf dem 27 Jahre alten Dampfer jedoch seufzten sie und ihre Kinder: "Nie wieder ..."

Ein Hamburger Hotelier hatte die gute Idee gehabt, ein Passagierschiff zu chartern: das Turbinenschiff "Orion". Es steht vom 24. Mai bis 29. September den Gästen der IGA als Hotel zur Verfügung. Es sollte die vermutlich überlaufenen Hotels der Hafenmetropole ergänzen, zum anderen lag der Gedanke nicht fern, den Besuchern Hamburgs die Illusion einer "stehenden Schiffsreise" zu geben. Wer hätte nicht einmal davon geträumt, an Bord eines Luxusschiffes zu wohnen und eine Kreuzfahrt zu machen, ein bißchen "Atmosphäre der großen Welt" zu naschen und alle Annehmlichkeiten einer solchen Fahrt in vollen Zügen zu genießen?

Ich betrat das Schiff als Besucher gegen eine Besichtigungsgebühr von drei Mark – und bekam kaum etwas geboten. Was für Besucher interessant ist – die Brücke, die Maschinen – ist für sie gesperrt. Auch alle Kabinen. Erlaubt ist nur der Spaziergang auf den Decks und das Durchwandern einsamer, mit verblichenen Plüschmöbeln eingerichteter Salons. An den Farben überall ist leicht zu erkennen, wie alt das Schiff ist. Doch der Steward am Kai bemerkte nicht ohne Stolz: "Heute haben 250 Leute das Schiff besichtigt."

Ich war ein bißchen neugieriger als die übrigen Besucher, mir gelang es sogar, einige "verbotene" Kabinen zu sehen. Zuerst sah ich nur Doppelkabinen. Die Preise – Außenkabine 57,50 Mark, Innenkabine 41,50 Mark (ohne Frühstück) – sind, wenn man sie am Komfort mißt, ungerechtfertigt hoch. Die Zimmereinrichtung besteht lediglich aus zwei übereinander gelegenen Betten, einem winzigen Tisch, zwei Stühlen und einem Schrank, den man wirklich nur als Spind bezeichnen kann. Die Einzelkabinen sind noch enger. Eine Steckdose für elektrische Rasierapparate ist nicht vorhanden; es gibt keine Klimaanlage. Das Badezimmer benutzt man mit mehreren Kabineninhabern zusammen. Wer seine Schuhe nachts vor die Tür stellt, soll nicht hoffen, sie würden auch geputzt.

Zwei Restaurants, das eine auf Deck A, das andere auf Deck F, sind gut besucht; man kann zu angemessenen Preisen essen. Das obere Restaurant freilich bietet eine Attraktion – die Attraktion dieses Hotels: einen reizvollen Blick über den Hamburger Hafen. Nicht nur Wohngäste bezahlen sie teuer, auch wer nur dort essen will, muß drei Mark Eintritt dazulegen.

Georges-Louis Puech