Von Ernst Stein

Ein verheertes Land, wider Erwarten schnell aus den Trümmern auferstanden, nur die seelischen Brandstätten schwelen noch. Ein zerstücktes Deutschland, dessen zuckende Teile auseinander und zueinander streben. Eine Enthemmung des Geschmacks und ein Verzicht auf Haltung, vordem zwangsläufige Begleiterscheinungen der großen Heimsuchung, jetzt bewußt und gewollt zur Lebensform geronnen. Eine aller Ufer spottende Verausländerung der Kultur, süchtige Nachahmung jeder modischen Welle und Strömung. Die Verelendung der deutschen Sprache; "es drangen sich ihr, zu so manchen neuen Begriffen, auch unzählige fremde Wörter nötiger- und unnötigerweise mit auf, und auch für schon bekannte Gegenstände ward man veranlaßt, sich ausländischer Ausdrücke und Wendungen zu bedienen" (heißt es in "Dichtung und Wahrheit"). Eine Literatur voller Giftblüten, Exzesse, Experimente, mehr aus der Belesenheit quellend als aus Schaffensfülle – eine hochinteressante, tief unverläßliche Literatur. Eine Neigung, sich in Gruppen beisammenzuhalten.

1960?

Die Rede ist von den zwei Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Kriege. Die Parallele der beiden Nachkriegszeiten, beliebig zu erweitern, drängt sich auf, nicht nur, weil die seelischen Voraussetzungen für mörderische Kriege und mörderische Niederlagen, über die Jahrhunderte hinweg, Kettenglieder bilden, sondern auch, weil unsere Zeit – es war vorauszusehen –, ein nicht nur alexandrinisches Interesse am Barock zu nehmen beginnt.

Sie ist die erste nicht, die in jener Zeit verwandte Züge zu finden meint. Wann immer ein Zeitalter von hoher Formempfindlichkeit, sei es die Romantik, sei es die Moderne von 1900 oder 1920, ihr Herz für die Barockliteratur entdeckte, geschah es, weil das Barock das Gefühl, die Leidenschaft, ja selbst den Glauben als Formproblem erlebt hat. Wenn Hofmannsthal vom Barock spricht, meint er den Himmel, den er nicht nennt.

Erst das Barock hat die Abgrundtiefen der Seele, die Nachtseiten der menschlichen Natur als den unmittelbarsten Bereich der Dichtung erkannt (Shakespeare erschien erst lange danach in Deutschland), aber es bemächtigte sich dieses Stoffes nicht als Erlebnis, sondern als Attitüde. So heidnisch sich dieses gebildete Spiel mit antiken Göttern und Schäfern und Helden gab, es blieb christlich durch und durch; unter diesem Olymp, der kein Christenhimmel war, loderten die Feuer der christlichen Hölle.

Kein Wunder, daß im üppigen Wortschatz der Barockdichtung kaum ein Wort so häufig vorkommt wie Seufzer. Das ist ein ewiges Winseln, vor der spröden Schönen, vor dem Schicksal und dem Tode, vor dem Kreuz, nicht von Daseinsangst, sondern von wahrer Daseinsqual abgepreßt, und ihr Ausdruck, zu höchsten Verstiegenheiten gehetzt, ist in mehr als einem Sinn gequält.