Th K., Washington, Anfang Juni

Sind die europäischen Wünsche nach Atomwaffen nicht sehr einfach zu befriedigen? Verkaufen wir ihnen doch die Sprengköpfe, die sie haben wollen, und ziehen wir uns aus Europa zurück! Diese verblüffende Lösung aller NATO-Atomstreitmacht-Probleme wurde jetzt von einigen amerikanischen Senatoren vorgeschlagen. Sie gingen soweit, zu erklären, daß das nordatlantische Bündnis überhaupt nicht länger als ein lebenswichtiger Teil der amerikanischen Politik zu betrachten sei. Zu solchen drastischen Schlüssen kamen die Senatoren Wayne Morse und Frank Church; auch der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Senat, William Fulbright, äußerte sich skeptisch über die Zukunft des Bundnisses der fünfzehn Staaten.

Die offizielle Politik Washingtons ist seit Ottawa gegenüber Paris auf Beschwichtigung eingestellt, so scheint es jedenfalls. Doch der Schein trügt. Wie so oft, kann man auch in diesem Fall andere politische Unterströmungen eher "auf dem Hügel", dem Kapitel, erkennen als in den Pressebüros des Weißen Hauses und des State Department. Der Schock vom 14. Januar, dem Tag der antiamerikanischen Erklärungen Präsident de Gaulles, tut hier noch immer seine Wirkung. Der französische Isolationismus weckte, wie nicht anders zu erwarten war, tiefverwurzelten amerikanischen Isolationismus. Sicherlich – die Senatoren Fulbright, Morse und Church haben nicht für die Regierung Kennedy gesprochen; aber die Vereinigten Staaten sind groß, und Washington ist manchmal weit. Der Isolationismus ist auch heute noch im mittleren Westen, im Süden und zum Teil an der Westküste populärer als die Bündnispolitik des Weißen Hauses.

Der französische Außenminister hat dem amerikanischen Präsidenten nach der NATO-Ministerratstagung in Ottawa deutlich genug gesagt, daß nach gaullistischer Auffassung die Idee eines vereinigten Europa für absehbare Zeit eine Illusion sei, insbesondere eine amerikanische Illusion, Kennedy und seine Mitarbeiter glauben indessen, daß die Vorstellungen über eine nationale Verteidigung, eine nationale Atomstreitkraft eine Illusion ist, insbesondere eine gaullistische Illusion, Die Verteidigung des Westens sei "unteilbar". Von dieser Grundüberzeugung geht die weltpolitische und militärpolitische Konzeption der Kennedy-Regierung aus. Innerhalb dieser Konzeption gibt es natürlich auch kein "Disengagement" der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, keinen Rückzug auf eine "Festung Amerika".

Der amerikanische Isolationismus würde vor allem die Sicherheit der Bundesrepublik beeinträchtigen. Das offizielle Washington ist antiisolationistisch, Dennoch haben Fulbright, Morse und Church zu erkennen gegeben, was in den USA stets eine mächtige politische Kraft ist. Das sollte man auf der anderen Seite des Atlantik niemals vergessen.