Und er blieb ein "Diener der Diener Gottes" – Abschied von einem großen Papst

Von Rochus Spiecker

Wenn ein Großer der Welt stirbt, kommt die Maschinerie des offiziellen Beileids in Schwung. "Aufrichtige Anteilnahme" ... "bewegte Trauer" ... Da niemand solchen Äußerungen viel Bedeutung zumißt, können sie denn auch ohne Bedenken ausgetauscht werden. Diesmal aber dürfte es anders sein! Johannes XXIII. wurde von vielen geschätzt. Nicht nur von Katholiken. Auch von Menschen, die der Krone des Papsttums skeptisch gegenüberstehen.

Dieser Mann hat sich in den wenigen Jahren seines Pontifikats höchst merkwürdige Sympathien erworben. Daß er bei denen galt, für die der Papst eben der Papst ist, wäre nicht verwunderlich. Aber Johannes brachte es fertig, daß ihm selbst zottige Klassenkämpfer eine brummige Zuneigung bekundeten und unterkühlte Existentialisten ihn mit Wohlwollen betrachteten. Man sprach gut über ihn: auch dort, wo man mit dem Begriff "päpstliche Unfehlbarkeit" groteske Schreckvorstellungen verbindet und wo man die Kirche allenfalls gelten läßt als ein Kindermädchen für Unterentwickelte. Johannes XXIII. hatte etwas an sich, das auch spartanische Gemüter, die sich über den "Pomp der Kirche" entrüsten, vergessen ließ, an seinem Brokatgewand, dem Edelsteinkreuz und der gestickten Mitra Ärgernis zu nehmen. Mit einem Worte: Johannes XXIII. war ein bemerkenswerter Mann.

Als Guiseppe Angelo Roncalli am 28. Oktober 1958 zum Papst gewählt wurde, war man allgemein erstaunt. Bissige Zungen meinten: "Sie haben einen Lückenbüßer gefunden!" Andere, die eine feine Ausdrucksweise vorziehen, sagten: "Man hat sich offenkundig auf einen Übergangspapst geeinigt!"

1953 war Angelo Roncalli, nach langer Diplomatenlaufbahn, zum Patriarchen von Venedig ernannt worden. Der damals Zweiundsiebzigjährige wird dies als eine Art Altenteil betrachtet haben, als eine Rückkehr in die Heimat. Und im Vergleich zu den schwierigen Aufgaben, die er als Apostolischer Delegat in Bulgarien, Griechenland und der Türkei zu lösen hatte – in den unruhigen Jahren von 1931 bis 1944 – im Vergleich auch zu seiner Tätigkeit im brodelnden Nachkriegsfrankreich, mag ihm das Hirtenamt über die pfiffig-treuen Venezianer wie eine Erholung vorgekommen sein. Aber es kam dann doch anders als er dachte ...

Er war wirklich nicht das, was man sich gemeinhin unter einem Papst vorstellt. Das fing bei seiner äußeren Erscheinung an. Ein rundes Gesicht mit großen Ohren. Die kräftige Nase. Der treuherzige Blick mit dem Funken Bauernschläue. Die untersetzte, robuste Gestalt. Die gedrungenen Hände, die selbst Chruschtschows Tochter beeindruckten. Und vor allem das lebendige Temperament, das stets auf der Lauer lag, wenn es galt, die strenge Norm des Zeremoniells zu überspringen. "Hätte Gott", so seufzte er einmal, "wenn er mich schon zum Papste machen wollte, nicht auf diese Dinge mehr achten sollen!"