Andererseits: Ein Student sitzt im "Schauinsland", bewaffnet mit F-Zuschlag und Billett 1. Klasse, alles in Ordnung. Aber es ist eine Studentenfahrkarte: antragsgebundene Ermäßigung, nicht gut für Ft-Züge. Der Arme hatte es nicht gewußt, zumal dieser Auswuchs der Dienstvorschrift ja auch nicht einsichtig ist. Also hinaus mit ihm, und zwar beim nächsten Halt: Umsonst die Bitte, ihn wenigstens bis zur übernächsten Station mitzunehmen, weil er von dort mit einem "erlaubten" Zug noch Anschluß hat am gleichen Abend. Das sind die dramatischen Momente, wenn die Bahnpolizei in Funktion tritt – ich muß sagen, mir war weniger wohl beim Zuschauen, und einem dabeisitzenden Schweizer auch nicht.

Um ehrlich zu bleiben, muß ich gestehen, daß ich außer diesem einen Mal nie bisher einen Bahnpolizisten bei der Ausübung irgendeiner aktiven Tätigkeit bemerkt habe. Also frage ich mich, wieso man zum Beispiel in der Schweiz einer solchen Institution wie der Bahnpolizei entraten kann, wieso es möglich ist, daß dort ganz gewöhnliche Gendarmen auch auf dem Bahnsteig ihr Metier ausüben, ohne daß die Bahn darunter leidet? Es dürfte sich wohl auch hier um eine Prestigefrage handeln – die Schweizer Bundesbahn braucht das nicht, denn sie arbeitet mit Gewinn ...

Und überhaupt: Die Schweiz bringt mancherlei ins Treffen: Keine Bahnpolizisttn, keine Grenzpolizisten, keine Bahnsteigsperren – dafür aber Improvisation: Wenn der Bahnsteig zu voll ist, schieben sie halt noch einen "Vorzug" hinein, im Handumdrehen – wie und woher, ich weiß es auch nicht. Und jeden Bundesbahn-Eleven sollte man einmal nach Göschenen schicken, wenn die Autoverladung von einer Stunde zur anderen um Zehnerpotenzen hinaufschnellt, weil der Paß zuschneit: Da ist Improvisation gefällig. Und sie arbeiten mit Gewinn ...

Der Bundesbahnen hat gelernt, sich vom Zorn des Volkes nicht betroffen zu fühlen, wenn man ihm, das heißt der Dienstvorschrift, je einen Fehler nachweisen kann. Eine kleine Blütenlese authentischer Antworten:

"Ja, da müssen Sie sich an die großen Herren wenden ..." – "Die Herren vom grünen Tisch da oben ... – "An uns kleinen Beamten soll es immer hängenbleiben..." – "Machen Sie erst einmal soviel Überstunden wie ich ..." – "Wenn ich nicht Idealist wäre, könnten sie mich längst gernhaben in diesem Laden hier..." – "Bei denen da oben erreichen Sie doch nichts ..."

Möglicherweise wird manches auf dem Rücken des kleinen Beamten ausgetragen, der die Überstunden macht. Aber die Obrigkeit ist ja so totalitär wieder auch nicht: Man erreicht sogar oft etwas, wenn man sich mit einer konkreten Detail-Beschwerde "an die da oben" wendet. Man muß sich nur die Mühe dazu nehmen. Nur daß es sich dabei um Dinge handelt, die in einem rationell geführten Betrieb auf unterer Ebene diskutiert und erledigt werden können ... Es ist alles eine Mentalitätsfrage: Mentalität eines Monopolträgers.

Nun bin ich keineswegs gegen das Monopol, denn die "schwäbischen Eisenbahnen" sind immer noch besser als die englischen, die bis vor nicht allzu langer Zeit "die Luft freien Wettbewerbs" atmeten. Andererseits habe ich auch nichts davon wahrnehmen können, daß die englischen Bahnen durch die Verstaatlichung besser geworden wären. Was macht also die Mentalität? Die Verselbständigung des Apparates im größten Unternehmen Europas. Und der kann man entgegenwirken, auch von oben, indem man dem "kleinen Beamten" mehr Freiheit läßt zu eigener Verantwortung und Menschlichkeit auf Kosten der Dienstvorschrift.