Von Heinz Spielmann

Wilhelm Pinder hat in seinem Entwurf einer "Kunstgeschichte nach Generationen" Beweise dafür erbracht, daß jede Generation ihre künstlerischen Anschauungen eher in der Kunst der Großväter als in der der Eltern bestätigt finde. Seine Beobachtung bestätigt sich heute, wo sich vergangene Phasen der Moderne besonders rasch wiederholen – in der angewandten Kunst mehr noch als in Malerei und Plastik. Im vergangenen Jahrzehnt, man erinnert sich, wurde dem "Jugendstil" mehr und mehr Aufmerksamkeit geschenkt; seine Rehabilitierung hat heute ihren Höhepunkt erreicht, wenn nicht schon überschritten. Seit einigen Jahren folgt nun eine bemerkenswerte Renaissance der "Roaring Twenties": Stuhlmodelle der Bauhausperiode werden wiederhergestellt, Bücher jener Zeit neu gedruckt, und auf der Bühne spielt man wieder "Mahagonny".

Ein paar der neuesten Vasenformen von Wilhelm Wagenfeld erinnern sogar schon wieder an Leistungen der dreißiger Jahre. Der Geschäftsführer einer bekannten Porzellanfabrik erzählte mir, man habe kürzlich, den Forderungen des Marktes gehorchend, eine neue Tassenform herausbringen wollen. Es hätte sich indessen erübrigt, sie erst zu entwickeln: Der älteste Werkmeister der Firma aus dem Formenlager brauchte die verstaubten Modellstücke der modernen Tasse, nach der man suchte, nur hervorzuholen –

In der Automobilfabrikation konnte es zwar nicht zur Regel werden, alte Modelle als Serienfabrikate oder zerlegt in ihre Do-it-yourself-Bestandteile wieder aufzulegen (so geschah es jüngst in den USA mit dem sogenannten "Surrey" aus dem Jahre 1903). Aber man kann einige Erscheinungen, die sich mit den Wandlungen anderer ästhetisch bestimmter Gebrauchsformen vergleichen läßt, auch an den jüngsten Karosserietypen entdecken: Seit 1957 setzen die meisten Automobilwerke ihren Ehrgeiz darein, einen Beitrag zur neuen "Trapez-Form" zu leisten. Das ist der Karosserietypus, der an Stelle der geschwungenen ärodynamischen Kurven jetzt gerade Linien, an Stelle der Wölbungen gewinkelte Flächen, an Stelle der weichen Übergänge kantige Zäsuren setzt.

Man hat diese plötzliche Wandlung im Aussehen aller gängigen Automobiltypen der Weltproduktion bisher der Erfindungsgabe Battista Farinas ("Pininfarina") zuschreiben wollen; Sein Entwurf für den Fiat 1800 trug zuerst die neue "Trapezlinie" – und das ist jene Linie, die Farina mit kleinen Variationen auch auf den Austin A 40, den Morris Oxford, den Peugeot 404, den Lancia Flaminia, die Fiats 1000, 1200 und 1500 übertragen hat.

Freilich, auch ein so einflußreicher Entwerfer wie der heute 67jährige Italiener konnte diese Uniformierung des Automobilmarktes nur deshalb herbeiführen, weil eine – den Konsumenten sicher nicht bewußte – Änderung des Geschmacks gerade diese Formen verlangte. Die gleichen Voraussetzungen galten ebenso für die neuen Schreibmaschinenentwürfe von Marcello Nizzoli wie für die Neuauflagen alter Modelle in der Möbel- und Porzellanfabrikation.

Die Automobilzeitschriften und die Werbeannoncen gebrauchten Attribute wie "nüchtern", "klar gegliedert", "sparsam", "Zweckform". Sie verbanden sich in der Propaganda mit dem Ruhm des "Genies Farina".