Von Peter Hamm

Auf der Beratung des Politbüros des ZK der SED und des Präsidiums des Ministerrats der DDR mit Schriftstellern am 25. März dieses Jahres wetterte Prof. Dr. Wilhelm Girnus: "Westdeutsche Verlage wünschen neuerdings, einige jüngere Dichter unserer Republik zu drucken und herauszustellen unter der Bedingung, daß sie so dichten, wie es für Westdeutschland annehmbar ist, Dichtungen voll existentialistischer Lebensangst, voll Pessimismus, voll nihilistischem Zweifel am Leben in jeglicher Gesellschaftsordnung ohne Unterschied ... Solche westdeutschen Verleger versuchen gegenwärtig, als literarischer Arm des entsprechenden Ministeriums in Bonn natürlich, unsere Literatur in der DDR auf diese Weise von außen her zu manipulieren, sie ideologisch und materiell zu korrumpieren."

Es fällt einem schwer und entbehrt nicht einer komischen Note, sich ausgerechnet den guten V. O. Stomps als "Arm" eines Bonner Ministeriums vorzustellen (wäre dem so, schwänden alle meine Bedenken gegen Bonner Ministerien dahin); Stomps verlegte nämlich den Gedichtband von

Christa Reinig: "Die Steine von Finisterre"; Verlag Eremitenpresse, Stierstadt/Taunus; 40 S., 9,80 DM.

Und Christa Reinig ist eine von jenen DDR-Autoren – zu denen noch Kunert, Bobrowski und Bieler zählen –, die Girnus in erwähntem Diskussionsbeitrag des furchtbaren Verbrechens der "ideologischen Abrüstung" zieh und "zur Rechenschaft zog".

Nun ist Christa Reinig aber nicht erst "neuerdings" bei uns gedruckt worden; bereits 1956 brachte Walter Höllerer in seiner Anthologie "Transit" ihre "Ballade vom blutigen Bomme", und dieses eine Gedicht in seiner unheimlichen Mischung aus freundlichem Zynismus und bodenloser Traurigkeit ließ einen großen Teil der über dreihundert von Höllerer zusammengetragenen Gedichte junger deutscher Autoren als gegenstandsloses Kunstgewerbe hinter sich. Schon diese Ballade, die man einmal zu den großen der deutschen Literatur zählen wird, offenbarte, daß Christa Reinig alles andere als hochgestimmte "Frauenlyrik" im Sinn hatte, daß sie vor dem politischen Gedicht keineswegs zurückschreckte; freilich handhabte sie dieses nicht als Agitationsinstrument im Sinne der SED, sondern als komplizierte Parabel, die ja nie nur nach einer Richtung zielt. Das konnte die heute Siebenunddreißigjährige in Ostberlin kaum populär machen. Christa Reinig führt denn auch ein anonymes Dasein als Kunsthistorikerin am Pergamon-Museum. Sie wurde nicht einmal in Sinn und Form gedruckt.

Als ich Anna Seghers, die vor langer Zeit einmal als Förderin und "Beschützerin" dieser jungen Dichterin gegolten hatte, vor zwei Jahren nach Christa Reinig fragte, zeigte sie sich überrascht: Sie vermutete Christa Reinig seit Jahren im Westen. Tatsächlich sind nur in westdeutschen Zeitschriften immer wieder Gedichte von Christa Reinig erschienen, die drüben nie gedruckt worden wären. Man stelle sich einmal das folgende, "Hör weg!" überschriebene, in einer DDR-Zeitschrift vor: