Immer wieder wird mir von wohlmeinenden Freunden geraten, doch mal einen Roman zu schreiben, und zwar am besten gleich einen Bestseller oder wenigstens einen Gutseller. Ich habe mich daraufhin auf dem Bestseller-Markt ein wenig umgetan, um die günstigsten Absatzbedingungen zu ermitteln.

Bei seinem ersten Roman – gelegentlich sogar noch bei seinem zehnten – setzt fast jeder Autor ein starkes Interesse der Öffentlichkeit für sein Leben (zumindest für seine Kindheit, Pubertät und frühen sexuellen Erlebnisse) voraus, und das, wie man nachweisen kann, durchaus zu Recht. Auch ich hätte gar nichts dagegen, mein Leben zu einer Mischung von Dichtung und Wahrheit zu verarbeiten. Damit könnte ich morgen, nein, heute schon anfangen. Die Sache hat aber einen Haken: Ich bin kein junges Mädchen von achtzehn oder wenigstens von zwanzig Jahren mehr. Ich bin überhaupt keins. Und selbst dem gerissensten Einbandentwerfer wäre es nicht möglich, aus mir ein langgelocktes, feingliedriges, zierliches, dabei pulloverüppiges und verwegen dreinschauendes Cover-Girl zu machen. Das ist es aber, was zieht – wenn man an die Damen Bingham, Maraini oder ihrer aller Großmutter, die Sagan, und einige andere denkt. Auch mit einem Pseudonym wie Ingwelde Waldhausen wäre nichts gewonnen. Um als Romanautor eine Zukunft zu haben, dazu fehlt es mir einfach an Vergangenheit. In diesen Jungmädchen-Bestsellern ist doch alles erlebt, erliebt und erlitten, das macht doch ihren Reiz aus, darum wirken sie so wahr und so echt. Unsereiner müßte sich das alles aus den Fingern saugen.

Fangen wir beim springenden Punkt dieser Romane an, bei der Jungfräulichkeit der Heldin. Gut ein Drittel handelt meist von dem Vorhandensein derselben, ein weiteres von ihrem Verlust und das letzte Drittel schließlich davon, daß die ganze Sache eigentlich nicht der Rede wert war. Was soll man dazu als Mann – literarisch gesehen – entscheidend beitragen?

Schlimmer noch ist der Umstand, daß sich aus meinerFamilie so wenig herausschlagen läßt. Abgesehen davon, daß mein Vater kein feiner Lord und meine Mutter nicht einmal eine Prinzessin war: mein Vater war noch nicht einmal Alkoholiker und hat meine Mutter nicht auf die Straße geschickt, um bei fremden Männern seinen Schnaps-Konsum zu verdienen. Das wäre ausbeutefähiges Material gewesen, aber leider, Gott sei’s geklagt, ging es in meinem Elternhaus einfach entsetzlich normal zu. Eltern zukünftiger Schriftsteller können in dieser Hinsicht ziemlich phantasie- und gedankenlos sein.

Auch was meine Tanten zu bieten haben, ist recht dürftig. Ob Sie’s glauben oder nicht: keine von ihnen war oder ist lesbisch, nicht mal ein bißchen! Ich hatte noch gewisse Hoffnungen auf Tante Dora gesetzt, die in New Orleans lebt. Aber meine Nachforschungen ergaben, daß sie weder morphiumsüchtig ist noch mit zwei farbigen Gigolos zusammenlebt – sie ist nun mal anders als die Tanten meiner schreibenden Kolleginnen und macht sich aus sowas nicht viel.

Daß solche Bücher in zehn Ländern erscheinen und hohe Dollar-Preise einheimsen, hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß man da endlich aus berufenem Munde Näheres über Abtreibungen lesen und erfahren kann. Wenn ich auch etwas ins Detail gehen könnte, wäre ich fein heraus. Aber dazu müßte ich auf die Erfahrungen von leiblichen Schwestern zurückgreifen können, die mir aber von meinen Eltern versagt wurden. Um das Maß des Pechs voll zu machen und um ganz deutlich zu demonstrieren, wie arm ich dran bin, wie fatal meine Ausgangsposition ist, wenn ich jemals einen Bestseller schreiben sollte: ich habe noch nicht einmal eine Kusine, eine entfernte meinetwegen, die von einem achtzigjährigen Wüstling vergewaltigt wurde, nicht einmal das. Was kann man dagegen tun?