Die moderne Metropole der arabischen Welt heißt Kairo

Von Marion Gräfin Dönhoff

Kairo, im Juni

Wenn man von Süden – aus Arabien oder Afrika – kommt, dann wirkt Kairo als eine der großen Metropolen der heutigen Welt. Und wenn man die Stadt ein paar Jahre nicht gesehen hat, dann meint man, sie kaum wiederzuerkennen.

Neun und zwölf Stockwerk hohe Gebäude sind wie Pilze aus der Erde geschossen. Überall neue Industrien. Heinkel: Flugzeuge mit Überschallgeschwindigkeit, Klöckner Humboldt Deutz: Lastkraftwagen und Busse, Fiat: Personenkraftwagen; es gibt neue chemische Fabriken und Textilwerke. Der Wert der Industrieproduktion betrug 1952 nur knapp drei Milliarden DM und macht 1962 schon 7,5 Milliarden DM aus. Der Lebensstandard ist entsprechend gestiegen. Breite Straßen, elegante Hotels – Kairo hat heute über vier Millionen Einwohner.

Es ist eine Weltstadt – eine westliche Weltstadt. Jedesmal, wenn ich die ägyptische Hauptstadt während der letzten zwölf Jahre wiedersah, fiel mir auf, daß sie sowohl in der Stadtplanung wie im Straßenbild westlicher geworden ist. Kairo hat nicht mehr das orientalische Gepräge angenommen, das es zur englischen Zeit besaß,

Damals, zur englischen Zeit, pflegten die Europäer zu sagen: "Wenn die Briten eines Tages abziehen sollten, wird alles, was sie dem Lande an zivilisatorischem Fortschritt gebracht haben, verschmutzen, verkommen, verfallen." Die Wirklichkeit sieht anders aus – nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch auf dem Lande: Jedes Jahr werden 230 Schulen gebaut, also daß alle drei Tage zwei neue Schulen entstehen; 70 Prozent aller Dörfer, deren Bewohner noch nie klares Wasser gesehen hatten, sind mit Brunnen oder Wasserleitungen versehen worden; der Plan, für jeweils fünf Dörfer ein Zentrum mit Schule, Klubhaus und ärztlicher Betreuung einzurichten, wird zur Zeit ausgeführt.