Die Anfangsphase des Zweiten Deutschen Fernsehens ist vorbei. Die Angelegenheit hat Zeit gehabt sich einzuspielen, und in vielerlei Hinsicht hat sie sich eingespielt. Die Nervosität ist weg und der am grünen Tisch geborene Versuch mit allerlei volkstümlicher Lässigkeit. So etwas wie Routine hat sich eingestellt, mit dem Wachstum des Defizits wuchs auch die Sicherheit. Es ist an der Zeit, die Vorgabe an Nachsicht zurückzuziehen und beide Sachen mit gleichem Maß zu messen.

Der Vergleich fällt noch immer nicht zugunsten der Mainzer Anstalt aus. Das Programm ist gar nicht einmal anspruchslos, die Angst vor dem ständigen Larifari war unbegründet. Man macht Kunst und man macht Politik, aber man macht es auf etwas betuliche Weise. Man ist eher zu bildungsbeflissen und zu informationshungrig. Der Zugang zum Instrument ist unartifiziell und unintellektuell.

Die Diskussionsrunden und Dokumentarstreifen sind etwas kulturfilmmäßig mit einem Einschlag von Lehrfilm: Sie haben keine Meinung und keinen Ansatz. Die Reihe großer Theaterabende, mit Paris so vielversprechend begonnen, führt nun doch nicht die großen Aufführungen beider Welten vor, sondern die Landestheater Deutschlands. Es ist hübsch, daß jede Stadt in diesem Lande ihr Stadttheater hat, aber es läßt sich, von paritätischem Wohlwollen abgesehen, kein rechter Grund einsehen, dem Fernseher grundsätzlich Deutschlands Provinztheater vorzuführen.

Man selber macht Sachen, die immer etwas vom Stadttheater an sich haben. Und dies ist das Wichtigste. Das erste Programm macht Ärgernisse, aber es macht sie interessant und des Widerspruchs wert. Das zweite Programm hat nun schon Wochen hinter sich, ohne irgend jemanden zur Empörung provoziert zu haben.

In dieser Woche wurde das wieder zweimal deutlich. Egon Monk, ein Spezialist in der Aufarbeitung von Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart, hat im NDR noch einmal mit einem Stück "Mauern" von Lys die Malaise von heute mit der Schuld von gestern konfrontiert. Monks Sachen haben immer etwas vom Lehrtheater an sich, die Überdeutlichkeit seiner Intention, mit Brecht-Requisiten optisch greifbar, steht fast immer der Kunst im Wege. Seine künstlerische Intelligenz wird nicht von der Aktion, sondern von der These in Bewegung gesetzt, die Anstalt, die er zu einem großen Teil in den Händen hält, ist ein einziges großes Besserungsinstitut für Deutschlands sündigen Teil.

Er liebt, ließe sich sagen, das Wort und den Vorgang gar nicht, die Bildröhre ist ihm die Zuchtrute, mit der er die Leute aus ihrer Ruhe prügelt. Das Ergebnis ist, fast immer, zwiespältig und auf jeden Fall im höchsten Maße sehenswert.

Im zweiten Programm dagegen eine Inszenierung von ähnlich typischer Struktur. Hans Dieter Schwarze hatte Ostrowskijs "Talente und Verehrer" für den Bildschirm zubereitet, also doch auch einen Stoff von zeitkritisch-bösem Zugriff, der dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft und der Beziehung von Wirklichkeit und Schein gilt. Es war, auf die unverkennbare Mainzer Manier, ganz und gar in die Komödie hinübergespielt worden, ein derber Theaterabend mit überzogenen Figuren und schwankhaften Situationen. Die Bitterkeit und die Melancholie war dahin, es blieb eine Posse um eine Schauspielerin, die ihrer Karriere und des Geldes wegen ihren Verlobten sitzenläßt: etwas ungeheuer Komisches, so ganz nach dem Herzen der Russischen Revolution, die dieses Stück in der nachrevolutionären Bürgerkriegszeit immer wieder spielte.