Der neue italienische Regierungschef ist für einen Politiker noch ein junger Mann. 47 Jahre zählt Aldo Moro, der christlich-demokratische Abgeordnete und Parteisekretär, dem Staatspräsident Segni den Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung erteilt hat. Von ihm stammt die Idee einer Koalition der "linken Mitte".

Mit dieser Idee hatte er sich auf dem letzten Parteikongreß in Neapel Ende Januar vorigen, Jahres durchgesetzt und 80 Prozent der Delegierten für das "vorsichtige Experiment" einer indirekten Zusammenarbeit mit den Nenni-Sozialisten gewonnen. Durch Fanfanis Schuld, der den Wünschen Nennis zuerst entgegenkam, ist dieses Experiment bisher gescheitert, und die Democrazia Cristiana mußte bei den letzten Parlamentswahlen erhebliche Stimmenverluste hinnehmen – Verluste, die zu verschmerzen gewesen wären, hätten nicht gleichzeitig die Kommunisten über eine Million Wähler dazugewonnen. Für diesen Erdrutsch ist freilich zum Teil auch Moro selbst verantwortlich, denn er tat nichts, um Fanfani zur Ordnung zu rufen, und er polemisierte zuviel gegen die Liberalen Malagodis, statt eine klare Linie zu den Kommunisten zu ziehen. Trotzdem hat sich die Democrazia Cristiana zu einer Fortsetzung des Experiments der "linken Mitte" entschlossen, wenn auch jetzt unter antikommunistischem Vorzeichen. Und man wird nun abwarten müssen, wie das Spiel unter Moros Leitung ausgeht.

Moro ist nach Temperament und Neigung der genaue Gegensatz zu seinem Vorgänger Fanfani. Dabei ist auch er aus der sozialreformerischen Richtung hervorgegangen, die sich "Iniziativa Democratica" nennt. Allerdings ist für Moro die katholische Soziallehre verbindlich. Für den Mystizismus linkskatholischer Schwärmer, wie etwa des Florentiner Bürgermeisters La Pira, hat er nichts übrig.

Der aus einer im heißen Apulien beheimateten Beamtenfamilie stammende künftige Ministerpräsident ist ein stiller, introvertierter, fast schüchtern wirkender Mann. Er bewältigte das Studium der Jurisprudenz in einer Rekordzeit. Schon mit 24 Jahren war er Ordinarius für Strafrecht an der Universität Bari und gleichzeitig Dozent für Rechtsphilosophie. Sein kometenhafter Aufstieg verrät eine geistige Brillanz, wie sie selbst bei der großen Intelligenz und advokatorischen Begabung der mediterranen Menschen ungewöhnlich ist. In seiner kurzen Studienzeit war Moro Mitglied der faschistischen Studentenvereinigung, und er gewann sogar einen Preiswettbewerb mit einer Arbeit über die damals in Italien herrschende Ideologie. Er leitete den katholischen Studentenverband Italiens und den katholischen Akademikerbund. Am Kampf gegen den Faschismus nach dem Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943 beteiligte er sich nicht aktiv.

Obwohl er bei politischen Reden auf Pathos verzichtet – was bei einem Süditaliener ungewöhnlich ist –, hat er in seinem heimatlichen Wahlbezirk einen enormen Anhang. Bei den letzten Wahlen erhielt er über 200 000 Vorzugsstimmen, weit mehr als jeder andere Kandidat, und auch viel mehr als Fanfani in seinem heimatlichen Wahlkreis von Arezzo erreichte.

Moro scheut die Publizität, und er läßt sich fast nie in den Wandelgängen der Abgeordnetenkammer von Montecitorio sehen, in deren Kulissen die Politik oft gemacht wird. Er meidet auch – im Gegensatz zu Fanfani – die Kameras der Fotoreporter und der Wochenschau und ist selten bei offiziellen Zeremonien zu finden. Dabei hätte er als Unterstaatssekretär im Außenministerium unter de Gaspari 1948 bis 1950 und erst recht als Justizminister im ersten Kabinett Segni und später als Minister für Unterricht unter Zoli und Fanfani viele Gelegenheiten gehabt, sich in den Vordergrund zu spielen. Sekretär der Christlich-demokratischen Partei wurde er Anfang 1959, als Fanfani wegen seiner Linkstendenzen zum Rücktritt gezwungen wurde.

Niemals hat sich Moro, dem eine weiße Strähne in seiner schwarzen südländischen Haarfülle einen Anflug von Eleganz verleiht, an Intrigen und gehässigen Polemiken gegen Parteikollegen anderer Richtung beteiligt. Im Gegenteil: durch sein Talent zum Ausgleich hat er es oft verstanden, Meinungsverschiedenheiten innerhalb seiner Partei zu überwinden. Allerdings wird ihm – und wohl nicht zu Unrecht – vorgeworfen, er weiche vor harten Entscheidungen zurück und neige dazu, schwere, aber notwendige Entschlüsse hinauszuschieben.