Von Ingrid Neumann

Der Abschluß über das Geschäftsjahr 1962 wird vermutlich nur unter "ferner liefen" rangieren, wenn sich die Aktionäre der Rheinstahlwerke in diesem Jahre zur Hauptversammlung in der Essener Lichtburg einfinden. Das wird nicht daran liegen, daß der soeben. vorgelegte Abschluß etwa uninteressant wäre. Das ist durchaus nicht der Fall, und auch die Aufrechterhaltung der vierzehnprozentigen Dividende verdiente die ihr gebührende Beachtung. Aber große Ereignisse tun sich im Rheinstahlkonzern, und die Mitteilungen darüber, die für die Zukunft des Unternehmens von so entscheidender Bedeutung sind, dürften dem Rechenschaftsbericht über die vergangenen Monate nicht ohne Grund den Rang ablaufen. Wenn es vor ein paar Jahren hieß, das Kapitel Neuordnung sei für den Essener Konzern – der als eine der großen Nachfolgegesellschaften der früheren Vereinigte Stahlwerke erst wieder eine lebensfähige Unternehmenseinheit werden mußte – zu Ende geschrieben, dann ist diese Feststellung jetzt von der Entwicklung überholt: die Rheinstahlgruppe wird ihr Gesicht nochmals entscheidend verändern. Jetzt soll sich die Eisenseite des Konzerns mausern. Dazu werden zunächst die drei eisenschaffenden Werke, die Tochtergesellschaften Ruhrstahl Rheinstahl-Eisenwerke Gelsenkirchen AG und die Rheinstahl Eisenwerke Mülheim AG zu einer Gesellschaft verschmolzen und unter dem neuen Namen Rheinstahlhüttenwerke AG mit vereinter Kraft starten.

Diese Fusion ist der Ausdruck einer neuen Konzeption für die eisenschaffenden Betriebe; sie bedeutet gleichzeitig eine völlige Abkehr von dem bisherigen Investitionsplan der Rheinstahlverwaltung. Der ursprünglich beabsichtigte Bau eines neuen Hüttenwerks in Gelsenkirchen wird nun – trotz der bereits angelaufenen Vorarbeiten – nicht mehr realisiert. Die Projektierungen für Gelsenkirchen sahen bekanntlich den Bau eines LD-Stahlwerks, einer Block- und Brammenstraße – die später im Projekt durch eine Stranggußanlage ersetzt worden war – und ein Walzwerk für Stabstahl vor. Entwicklungstendenzen der letzten anderthalb Jahre, die nicht nur für Rheinstahl, sondern für die gesamte Stahlindustrie gelten, haben, dazu geführt, daß diese Pläne jetzt ad acta gelegt werden.

Generaldirektor Werner Söhngen wies in einer Pressekonferenz darauf hin, daß die Gefahr der Schaffung von Überkapazitäten in Verbindung mit Preiseinbrüchen den schwerwiegenden Entschluß der Essener Konzernverwaltung im wesentlichen bestimmt habe. Im Zuge der gegenwärtigen Marktentwicklung steigen die Ertragserwartungen nicht mehr, die der ursprünglichen Renditerechnung zugrunde gelegt waren. Deswegen wurden bei Rheinstahl die Weichen umgestellt. Das war zweifellos ein schwerer Entschluß, zu dem man dennoch die Verwaltung beglückwünschen sollte, weil sie den Mut gehabt hat, eine angelaufene Planung, die sich unter neueren Erkenntnissen als Fehlplanung erwiesen hat, gerade noch rechtzeitig zu stoppen.

Der Ausgangspunkt für das Gelsenkirchener Projekt, die Auslastung einer unterbeschäftigten Hochofenanlage – sie resultiert aus den Strukturveränderungen am Roheisenmark: – ist damit indessen nicht beseitigt. Hier soll nunmehr die Umorganisation der eisenschaffenden Töchter Abhilfe bringen. Im Rahmen der zukünftigen Rheinstahlhüttenwerke AG wird die bisher in Gelsenkirchen-Mülheim erzeugte Roheisenmenge in Gelsenkirchen konzentriert. Die beiden letzten Mülheimer Hochöfen werden stillgelegt, und ebenso einer der beider, bei der Henrichshütte, der bisherigen Ruhrstahl-AG, betriebenen Öfen. Dafür wird mit einer vollen Auslastung der Gelsenkirchener Hochofenkapazität gerechnet. Die sich daraus ergebenden Kostenvorteile sollen nach den Angaben der Rheinstahlverwaltung die zusätzlichen Transportkosten – die Mülheimer Gießereien werden von Gelsenkirchen aus versorgt – mehr als kompensieren.

Daß der Verzicht auf das Gelsenkirchener Projekt auch eine schwergewichtige finanzielle Seite hat, liegt auf der Hand und hat selbstverständlich seine Rolle gespielt bei den Überlegungen der Verwaltung. 350 Mill. DM hätte die Durchführung des ursprünglichen Plans erfordert. Davon wurden jetzt lediglich 100 Millionen benötigt, vor allem für den Ausbau der Henrichshütte, wo eine Stranggußanlage gebaut und eine veraltete Trio-Grobblechstraße durch eine Quarto-Straße ersetzt werden soll. Die mit dieser neuen Konzeption von der eisenschaffenden Seite verbundene finanzielle Entlastung – rund 250 Mill. DM – schafft nach den Worten des Rheinstahlchefs Söhngen ,die Voraussetzungen, um den Investitionen der so wichtigen Weiterverarbeitung des Konzerns mehr Spielraum zu geben". Hier stehen vor allem die Ausbaupläne der Hanomag-Tochter im Vordergrund.

Das nunmehr für die nächsten vier Jahre (einschließlich 1963) eingeplante Investitionsvolumen der Rheinstahlgruppe beziffert sich auf 843 Mill. DM. Eine Aufteilung der einzusetzenden Mittel auf die einzelnen Interessenbere che der Gesellschaft zeigt eindeutig die Stoßrichtung der künftigen Unternehmenspolitik: auf die Weiterverarbeitung entfällt mit 36 % der Löwenanteil, die eisenschaffende Industrie folgt mit 31 % (darin enthalten sind die neuen Projekte für die Henrichshütte); Guß- und Stahlverformung erhalten 21 %, der Bergbau 10 %, und 2 % der aufzuwendenden Investitionsmittel entfallen auf Handel, Schiffahrt und übrige Konzernwerke.