Auf den Wiesen blühten, als ich in Badenweiler ankam, Anemonen, Hundsveilchen und Wiesenschaumkraut. Es blühte auch im Kurpark und in den Gärten vor den Hotels – in dem stillen Bad im Schwarzwald. Still? Vor dem Hotel war der Gehweg aufgerissen, und Arbeiter reparierten lärmend eine Leitung. Ein Bagger wühlte sich durch das Gelände, und Preßlufthämmer betäubten das Trommelfell. Aber jetzt ist es still. Denn seit dem ersten Mai herrscht Ruhe. Bis zum 31. Oktober, so schreiben es Gemeinde und Kurverwaltung vor, hat jede lärmende Bau- und Straßenarbeit zu unterbleiben.

Der Kampf des Deutschen Bädervereins gegen den Lärm begann in Travemünde vor nunmehr über zehn Jahren. Man beschäftigte sich dort auf einem offiziellen Bädertag mit dem Lärm in den Kurorten und setzte eine "programmatische Schutzerklärung" für den Erholungssuchenden auf. Seitdem versuchen etwa 170 Heilbäder und Kurorte in der Bundesrepublik den Lärm in ihren Straßen zu dämpfen. Sehr viele Kurorte haben eine nächtliche und frühnachmittägliche Sperre für Lastwagen und Motorräder eingeführt. Sie beschränken sich nicht mehr auf kindlich bebilderte Schilder, die zur Ruhe mahnen und die schließlich auch in der Großstadt mit fragwürdigem Effekt auf Krankenhäuser und Schulen hinweisen, sondern sie schaffen regelrechte "Sperrbezirke". Badenweiler scheint das ausgeklügeltste System zu besitzen.

Ich kam zum Wochenende und fand mich beim Sonntagsspaziergang auf eine erst nicht recht greifbare, jedoch angenehme Weise verfremdet: ich war in einer Stadt der Fußgänger. Kurgäste und Wochenendtouristen schlenderten über die Fahrbahn, als gäbe es weit und breit keine Autos. Es gab auch wirklich nur sehr wenige. Die Besitzer der Wagen werden gezwungen, sie auf eigens eingerichteten Parkplätzen am Rand des Kurbezirks abzustellen. Die Kurgäste und die Einheimischen haben an den Windschutzscheiben ihrer Autos Plaketten verschiedener Farbe, die ihnen jeweils als "widerrufliche Ausnahmegenehmigung" erlauben, zu bestimmten Zeiten die Sperrzone zu befahren. Notwendige Berufsfahrten dürfen nur mit besonderer Genehmigung gemacht werden. Entsprechende Vorschriften gelten für Busse.

Gemeinden und Kurverwaltungen versuchen übrigens nicht nur den Verkehrslärm zu mildern, sie versuchen, und oft vergeblich, die Übungsbahnen der Düsenpiloten naher Militärbasen von ihren Orten wegzulenken, sie legen die Bauzeiten fest und versuchen den Amüsierbetrieb zu dämpfen. Wer aber glaubt, eine Kurverwaltung könne sich nach Belieben ihre bunten Papierchen drucken lassen und sie eigenständig zum Beispiel ans Auto pappen, irrt. Über Badenweiler schwebt die entsprechende verkehrspolizeiliche Anordnung des Landratsamtes Mühlheim, über Bad Kissingen der Oberregierungsrat, der allerdings mit dem Kurdirektor identisch ist, über Baden-Baden die Stadtverwaltung in Gestalt des Stadtrechtsrates. In den Bundesländern fehlt eine einheitliche Rechtsgrundlage; dadurch bleiben die einzelnen Bemühungen der Kurorte vorerst unentbehrlich. Bad Wörishofen hat beispielsweise in achtzehn Straßen ein totales Nachtfahrverbot erlassen. Bad Reichenhall will in diesem Jahr ein absolutes Fahrverbot für bestimmte Zeiten durchsetzen und für diese Stunden auch keine Ausnahmen zulassen.

"Wir sind ein Heilbad", sagt der Leiter des Badenweiler Markgrafenbades nachdrücklich. "Luxusbäder gibt es genug. Wir sind für die Menschen da, die Heilung, Genesung und Erholung brauchen." Man kommt "zur Kur". Das vor sechs Jahren modernisierte Markgrafenbad baut an einer gedeckten Liegehalle neben dem offenen Thermalschwimmbad, das den Gästen das Schwimmen im Freien auch bei schlechtem Wetter und in der Spätsaison angenehm machen soll. Auch plant man ein zweites Übungsbad; das erste hat sich mit seinen klinischen Einrichtungen für Kranke, die sich nur schwer bewegen können, und vor allem mit seinen Einzelbehandlungen und den abgetrennten Ruheräumen besonders gut eingeführt. Badenweiler hat eine recht hohe Durchschnittsübernachtungszahl: 16,4 Tage. Im besten Vorkriegsjahr, 1938, waren es 14,7, und dieses Bad hat nur wenige Sozialkurgäste: 5,9 von je hundert.

Während der Kurgastbesuch zunimmt, nimmt der Passantenverkehr ab. Man klagt nicht darüber; Hotels, auch Privathäuser, sind grundsätzlich auf Dauergäste eingerichtet. Nicht zuletzt wird die Verminderung des Durchgangsverkehrs auch auf die "Autofeindlichkeit" der Kurverwaltung zurückzuführen sein. Nicht jeder Besucher, nicht jeder Bewohner ist einsichtig. Es gibt Autofahrer, die die deutlich angebrachten Schilder höhnisch lachend mißachten. Badenweiler mußte seine zwei "Vollzugsbeamten" auf fünf erhöhen. Sie haben die Funktion von Hilfspolizisten und achten ausschließlich darauf, daß die Auto-Verordnungen des Kurortes beachtet werden. Gemeinde und Kurverwaltung teilen sich die Gehaltskosten, die den zweiten Posten des Anti-Lärm-Etats einnehmen. Den größten Posten verschlang die Anlage der Parkplätze am Rand des für Autofahrer gesperrten Bezirkes.

Der Deutsche Bäderverband hat Richtlinien zur Bekämpfung des gesundheitsgefährdeten Lärms in Kurorten drucken lassen, die er allgemeinverbindlich zur Rechtsgrundlage machen möchte. Man glaubt festgestellt zu haben, daß der wahre Kurgast mehr als je nach einem ruhigen Kurort verlangt und daß die Kurorte schon aus wirtschaftlichen Gründen gut daran tun, diesem Wunsch zu folgen. Schließlich kommt auch jeder Motoromane einmal auf den Geschmack, ganz einfach "zu gehen". In seiner "Autohörigkeit" – wie es der Badenweiler Kurdirektor Dr. Wagner nennt – eingeschränkt, gewinnt er mit der Zeit sogar Wohlgefallen am Wandern. In der Tat: Es wird mit und ohne Führung viel gewandert in den Wäldern und Weinbergen um Badenweiler.

Martha Maria Gehrke