Von Hermann Bohle (Brüssel)

Beim Anrühren der europäischen Agrarpolitik hat die EWG in ihrer Brüsseler Küche die ganze Welt als Topfgucker. Da kommen sie aus den USA, aus England, aus Dänemark, Uruguay oder Australien/Neuseeland angereist, lüften kurz den Deckel, verziehen das Gesicht und protestieren. Auch die eigenen EWG-Europäer (einerlei ob nun Landwirte oder Verbraucher) beschäftigen sich in gleicher Weise – mit meist analoger Reaktion. So einfach sie es alle haben, wenn sie auf "die Europäer" schimpfen, so mühselig ist es, die Küchenkunst der EWG-Agrarpolitik auszuüben. Zu viele Wünsche an das Menü sind zu berücksichtigen.

Ein Kernprinzip geht vor allem die Deutschen an: die bisherige Agrarpolitik gab der deutschen Bodenproduktion – also u. a. dem Getreidebau – besonderen, eindeutig protektionistischen Schutz. Im Vergleich dazu war die Haltung der Bundesregierung gegenüber der Einfuhr veredelter Produkte – wie Hühnchen, Eier oder Käse – recht liberal. Der Schutz für die deutschen Veredelungsproduzenten blieb also bescheiden.

Mit der EWG-Agrarpolitik hat sich das geändert. Allein eine intensivierte Veredelungsproduktion gibt den europäischen Landwirten, ihren Familien und den von ihnen wirtschaftlich abhängigen Berufen – alles zusammen 40 Millionen von 171 Millionen EWG-Europäern – die Chance zur Steigerung des Wohlstands. Die EWG-Agrarpolitik soll deshalb solcher europäischer Agrarproduktion genügend Schutz vor Konkurrenz aus Nicht-Mitgliedsländern angedeihen lassen, mehr als etwa deutsche Geflügelhalter es gewöhnt sind.

Dieses Konzept schlägt sich in der am 14. Januar 1962 in Brüssel verabschiedeten EWG-Marktorganisation für Geflügelfleisch nieder. Sie versieht den EWG-Geflügelmarkt mit einem Schutzwall, hinter dem die "einheimische" Produktion gedeihen soll. Topfgucker aus den USA sehen das mit Mißvergnügen, weil die wählerstarken US-Farmer 5 % ihrer Exporte in den Gemeinsamen Markt seit einigen Jahren in Form von Brathähnchen und Topfhühnchen liefern – und zwar zu Preisen, die jeder deutschen Hausfrau das Herz im Leibe lachen lassen.

Das ist bei allem guten Willen der EWG-Köche, die Verbraucher zu angemessenen Preisen versorgt zu sehen, nicht ganz im Sinne der Brüsseler Erfinder. Sie müssen an die Bauern denken. Jene vielen, die schon bald nicht mehr wissen, an wen sie ihr Getreide verkaufen sollen (während bei "veredeltem Getreide" – beispielsweise beim Geflügel – wachsende Absatzchancen bestehen). Deshalb beschlossen die sechs Landwirtschaftsminister der EWG in der genannten Marktorganisation ein kompliziertes System, das vor allem aus einem Einfuhr-Mindestpreis – dem "Einschleusungspreis" – und einer verteuernden Importabgabe – der "Abschöpfung" – besteht. Sie wirkt wie eine Schleuse und hebt den niedrigeren Preis eines US-Hähnchens auf das teurere Niveau in Europa.

Die Höhe des Einfuhrmindestpreises, der von amerikanischen oder dänischen Hähnchen nicht unterschritten werden soll, richtet sich nach zwei Faktoren: