r. g., Freudenstadt

Die Kurstadt Freudenstadt im Schwarzwald hat ihre Vergangenheit offenbar noch nicht bewältigt. Da ist noch eine Rechnung offen, die ihr jetzt präsentiert worden ist. Sie geht zurück auf das Jahr 1944. Damals feierte man in Freudenstadt – viel zu feiern gab es sonst nicht mehr – die Kesselschlacht von Tscherkassy, einer Industriestadt in der Ukraine. Die Stadt Freudenstadt, wo sonst Tscherkassy völlig unbekannt geblieben wäre, nahm deshalb einen gewissen Anteil an jenen blutigen Geschehnissen, weil einer der ihren sich dabei an erster Stelle hervorgetan hatte, der General Theo Lieb. Er, der Held von Tscherkassy, wurde dafür mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz dekoriert. Und im Überschwang patriotischer Gefühle trachtete man, den heldenmütigen Sohn der teuren Heimat auf eine etwas habhaftere Art zu ehren. Die Stadt vermachte dem Krieger 50 Festmeter Holz und dazu ein Grundstück auf heimischer Gemarkung.

Wer auf diesen Gedanken kam, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Der jetzige Bürgermeister Bärlin nimmt seinen damaligen Vorgänger Dr. Blaicher in Schutz; er sei, obwohl Pg., kein Nazi gewesen, und die Schenkung könne man sich nur damit erklären, daß die Kreisleitung Druck auf ihn ausgeübt habe. Zu solchen Spekulationen kann sich Dr. Blaicher nicht mehr äußern; drei Wochen nach der Schenkung starb er.

General Lieb zeigte Sinn für Realitäten. Jetzt wissen es ja viele, was von den Versprechungen in jener Zeit zu halten war. Lieb hingegen verließ sich schon damals nicht darauf. Er nahm Heimaturlaub und ließ sich die Schenkung am 28. März 1945 notariell beurkunden. Es war höchste Zeit, denn drei Wochen danach, bei der Besetzung, sank die Schwarzwaldstadt zum überwiegenden Teil samt Rathaus und Gemeinderatsprotokollen in Schutt und Asche. Der General hatte Besonnenheit gewahrt; seine Urkunde ist gerettet. Doch sie hat ihm bisher nichts genützt.

Der große Sohn der Stadt erheischte auf dem neuen Rathaus schon mehrmals den "Dank des Vaterlands", allein Gemeinderat und Bürgermeister wiesen den General ab. Ihre mühsam wiederaufgebaute Stadt sei mit 5,5 Millionen Mark tief verschuldet und habe zudem Bürgschaften für kriegsgeschädigte Einwohner in Höhe von 7 Millionen Mark übernommen. Die Auffassung des Stadtrats Fritz Wölper, des Kreisvorsitzenden des Verbandes der Flieger- und Währungsgeschädigten: "Wir haben noch kurz vor Kriegsende alles verloren. Der Staat hat uns keine Pension gezahlt für den Existenzverlust, während Herr Lieb als General a. D. keine Notlage geltend machen kann und in der Zwischenzeit wahrscheinlich schon über 300 000 Mark an Ruhegeld bezogen hat."

Der General, sonst im Erwerbsleben stehend, kämpft nun vor Gericht. Unterm Aktenzeichen 2020/63 läuft vor dem Rottweiler Landgericht die Zivilklage gegen Freudenstadt wegen Einlösung des alten Versprechens. Weiteres Warten würde ohnehin keinen allzu großen Wertzuwachs mehr einbringen; die Grundstückspreise haben sich eingependelt – ungefähr in der fünfzehnfachen Höhe der Preise in den ersten Nachkriegsjahren. Das von dem General bei der notariellen Beurkundung zugewiesene Grund-Stück von 800 Quadratmetern an der Lauterbadstraße ist bereits anderweitig verwendet; man spielt darauf Tennis.

Übrigens hat Freudenstadt, Heimat oder Ruhesitz einer ganzen Anzahl von Generalen, noch einen Helden, Ritterkreuzträger Max Vetter. Aber der war bloß Feldwebel. Auch ihm war damals ein Grundstück versprochen worden. Er könnte es ganz gut gebrauchen; sein Beruf als Tuchweber in Freudenstadt hat ihn nicht mit Glücksgütern gesegnet. Allein der ehemalige Feldwebel, abgesehen davon, daß er damals keine Gelegenheit genommen hat, den Notar zu bemühen, hat seinen Anspruch bisher nicht angemeldet. Ob man nun ihm oder aber dem General Sinn für bundesdeutsche Realität bescheinigen soll, wird der Rechtsstreit zeigen.