Von C. Amery

Dieser Tage und Wochen beschäftigt sich eine geplagte Jury mit der Frage, ob es demnächst einen guten deutschen Kriminalroman gibt. Ein Münchner Verlag hat einen Edgar-Wallace-Preis gestiftet – nicht unerheblich dotiert –, der dem Autor des besten deutschen Kriminalromans verliehen werden soll. Einsendeschluß für Manuskripte war der 31. März, und gegen Ende Juni rechnet man mit – der Verkündigung des Ergebnisses.

Es gilt, wider alle Hoffnung zu hoffen. Der Kriminalroman als literarisches Genre kämpft hierzulande mit sehr widrigen Winden. Das Rüchlein des literarisch Unsoliden hat er zwar verloren, die Apologien, die deutsche Krimi-Verleger auf ihre Umschlagdeckel drucken, sind großenteils überflüssig geworden, niemand schämt sich mehr, im Zug oder in der Straßenbahn einen Krimi zu lesen oder ihn an den Zeitschriftenständen renommierter Hotels zu kaufen. Selbst die weihevollsten Buchhandlungen führen das Genre, und in der wohlwollenden Beurteilung seiner Meriten ist sich der Alt-Bundeskanzler mit seinen grimmigsten intellektuellen Feinden einig.

Die widrigen Winde sind anderer Art. Ich weiß nicht, ob den Herren des Verlags die objektive Ironie des Preis-Titels aufgefallen ist: Edgar-Wallace-Preis!

Edgar Wallace ist gar kein Kriminalromancier, sondern ein Märchenerzähler, und nicht einmal ein besonders guter.

Der wahre Kriminalroman ist ein Werk, in dem es um die Aufdeckung einer Wahrheit geht; wie jede Wahrheit, muß auch die des Krimis einen erhellenden Effekt haben. Der Effekt muß entweder dem eines vertrackten, aber logisch lösbaren Preisrätsels gleichen – nach Art der Schule Agatha Christie oder Ellery Queen; er muß die spielerische Anstrengung des Lesers durch einen Enthüllungsvorgang belohnen, der sich streng an die Spielregeln der Elimination hält. Oder der Kriminalroman muß – wie dies die moderne Schule von Hammett bis Simenon praktiziert – soviel Wirklichkeit enthalten, daß dem Verbrechen und seiner Aufdeckung ein gesellschaftlicher Stellenwert zukommt: ein Stellenwert, der das Erfahrungsbedürfnis des Lesers auf eine strikte, literarische Art befriedigt.

Hoffen wir also, daß der Name des Edgar-Wallace-Preises pietätvoller Dankbarkeit des Verlegers entspringt und daß er nicht etwa ein Programm bedeutet.