Die Pariser Börse ist unzufrieden. Sie schmollt mit der Regierung, weil diese angeblich aus demagogischen Gründen den Plan hegt, die Reserven der Gesellschaften bei einer Umwandlung in Aktienkapital steuerlich zu belasten. Verstimmend wirkt auch das Projekt des Planwirtschaftlers der Regierungspartei UNR, Albin Chalandon, den Mehrwert bei der Bilanzierung von Grundstücken mit einer Steuer zu belegen, mit dem Ziel, diese Mittel einer Sozialkasse für Renten für alte Arbeiter zuzuführen. Es ist nicht die Höhe dieser Steuern, die Ärgernis erregt, sondern die Tendenz, die sie widerspiegelt. Die Börse reagiert durch Umsatzrückgänge.

Das Privatkapital bevorzugt jetzt Immobiliengeschäfte. Man könnte es eine unorganisierte Streikbewegung der Börse nennen, die nun den Absichten der Regierung entgegenwirkt und allmählich zu einer Gefährdung des Vierjahrespanes wird, weil die zahlreich angekündigten Kapitalerhöhungen keine funktionsfähige Börse mehr finden. Nur ein Teil des Privatkapitals übt noch seine Bezugsrechte aus. Das ist um so bedauerlicher als nur große Gesellschaften in der Lage sind, beim Absatz festverzinslicher Anleihen einen Markt zu finden. Mittlere und kleinere Unternehmungen bleiben auf Kapitalerhöhungen und damit den Börsen als Markt der Industriefinanzierung angewiesen. Das beginnt man nun auch an hoher Stelle zu verstehen. Das Finanzministerium steht vor der Alternative, auf die Hilfe der Unternehmerinitiative für die Ausweitung der Produktion zu verzichten oder einer natürlichen, fiskalisch nicht gehemmten Tendenzbildung mehr Freiheit zu geben. Es scheint, daß sich in diesem Sinne ein Stimmungsumschwung anbahnt. Eine gesunde technische Situation kommt den Märkten zu Hilfe. Die Hausseengagements am Terminmarkt sind Ende Mai weiter geschrumpft und die Baisseverpflichtungen haben sich relativ erhöht.

Nach wie vor sind die Nachrichten aus der Industrie gut. Der Verlauf des Jahres 1963 wird keinen Rückschlag bringen. Der Expansionsrhythmus wird sich lediglich etwas verlangsamen und die errechneten Vierjahresplanziffern mit ein bis 1,5 % unterschreiten. Es könnte auch sein, daß die Unternehmen sich nunmehr veranlaßt sehen, die Verteilung an die Aktionäre zu Lasten der Selbstfinanzierung zu erhöhen. Diese Tendenz macht sich bei einigen Gesellschaften jetzt schon geltend. Finanzielle Schwierigkeiten sind bei Unternehmen bisher nicht zu bemerken. RETLAW