Hamburg

Schrebergärten, Siedlungshäuser, Baulücken und uniforme neue Etagenhäuser bilden die Stadtrand-Landschaft um Hagenbecks Tierpark in Hamburg-Stellingen. Wo könnte ein Stückchen vom alten Rußland fremder, märchenhafter wirken? Da steht es, an einer breiten, aber relativ wenig befahrenen Straße, in Gestalt der neuen russisch-orthodoxen Kirche, künftiger Sitz des Administrators der Diözese für Norddeutschland, Erzbischof Philoteos, dessen zwölftausend Gläubige zwischen Hamburg und Bonn wohnen. In Hamburg leben davon zweitausendfünfhundert, die meisten von ihnen sind Flüchtlinge, Russen, Serben, Rumänen und ehemalige Bewohner des Baltikums. Auch Deutsche, die zum orthodoxen Glauben übertraten, sind darunter. Für sie wird einmal monatlich der Gottesdienst deutsch zelebriert, der sonst nur die altslawische Sprache benutzt.

Der Bau beschwört alte Bilder herauf. Er ist zwar neu, aber sein Stil ist alt, der nordrussische Nowgorod-Stil. Lapislazuliblau krönen ein großer und mehrere kleine Zwiebeltürme – verziert mit Goldsternen, an den Spitzen die Kreuze mit den zwei geraden und einem schrägen Querbalken – die Kirche. Das vielfach gestufte und aufgegliederte Dach bedecken leuchtend-türkisblaue Fayence-Ziegel. Die Mauern sind weiß beworfen. Bogen für die Glocken, kleine Stützsäulen, viele Rundbogen lösen den Bau auf. Er beherrscht die öde Umgebung und ist nicht zu übersehen.

Viele Hamburger merken durch ihn erst, daß es in der Stadt eine russisch-orthodoxe Gemeinde gibt; denn bis vor anderthalb Jahren war ihre kleine Kirche zwischen Alster und Mittelweg versteckt, zwischen den kleinen Gassen, die Pöseldorf heißen und in denen früher Handwerker wohnten, die für die wohlhabenden Leute in den Alstervillen arbeiteten. Dort baut die Stadt Hamburg jetzt das neue Haus des alten Wilhelm-Gymnasiums. Die russische Gemeinde mußte deshalb weichen.

"Wir hoffen, daß unsere Kirche im Herbst eingeweiht werden kann," sagt mit etwas müder Geduld der Sekretär der Gemeinde und des Herrn Erzbischofs, zugleich Chorleiter und Mädchen für alles in seiner Kirche. In einem kaum fertigen Zimmer des neben der Kirche erbauten Gemeindehauses sitzt er vor einer Schreibmaschine, zwischen Schriftstücken, abgestellten Lampenkugeln und vielen gerauchten Zigaretten. Ein langer Weg hat ihn bis in dieses, noch geschichtslose Zimmer gebracht, ein Stück Geschichte repräsentiert dieser Gentleman, der Marine-Offizer der zaristischen Armee war, zwischen den Kriegen im Baltikum lebte und seine Flucht nach Westen im Zweiten Weltkrieg fortsetzte.

Der orthodoxe Gottesdienst verwendet keine Musikinstrumente, der Chor allein macht die Musik, "Es ist schwer, hier russische Sänger zu finden", berichtet der alte Herr, "darum habe ich Ausländer in meinem Chor. Sie singen russisch, aber sie verstehen nicht, was sie singen."

Die größte Sorge der Gemeinde ist das allerdings nicht. Diese christliche Kirche nimmt keine Kirchensteuer ein und hat es finanziell sehr schwer. Die drei Geistlichen dieser Diözese – zwei Russen und ein Deutscher – werden aus Spenden und durch Zuschüsse des Weltkirchenrates in Genf und der Stadt Hamburg honoriert. Den Kirchenbau finanzierten private Spender, unterstützt durch Zuschüsse anderer Konfessionen und der Stadt Hamburg. "Wenn Gott uns hilft, so hoffen wir, später rings um die Kirche grüne Anlagen zu haben, wie es früher auf dem Lande in Rußland war – wo die Gemeinde nach dem Gottesdienst bleibt und schwatzt." Der alte Herr sagt es so traurig-schön und stolz, wie unsere Vorstellung sich einen Exilrussen denkt.

Ruth Hermann