Sowjetpanzer, Demonstranten, Symphatisierende – so sah es vor zehn Jahren am Potsdamer Plaz aus, als sich Mitteldeutschland gegen das Ulbricht-Regime erhob. Der Aufstand, der zu Unruhen in vielen Städten der Zone führte, die Demonstrationszüge der Arbeiter und Studenten, die erst bessere Normen und dann freie, geheime Wahlen forderten, schließlich die brutale Niederwerfung der Erhebung durch sowjetische Panzer – sie haben sich tief ins Gedächtnis der Deutschen diesseits und jenseits des Stacheldrahtes eingebrannt.

Ein Jahrzehnt ist seitdem vergangen. Die Hoffnungen, die sich einstmals an den Aufstand knüpften, sind mittlerweile verflogen; der 17. Juni kann heute nur noch in einem Atem mit jenen anderen Daten der deutschen Geschichte genannt werden, an denen mutige Kämpfer Fanale menschlicher Größe setzten, zugleich aber auch Fanale der Vergeblichkeit.

Heute müssen wir uns sogar fragen, ob der Aufstand vor zehn Jahren nicht Möglichkeiten zerschlagen hat, die sich bereits am Horizont abzeichneten – Möglichkeiten der Auflockerung, der freieren Entwicklung, ja einer freiwilligen Preisgabe der Zone durch die Sowjets (ein politisches Ziel, das Chruschtschow jüngst erst wieder Malenkow und Berija zugeschrieben hat). Solche Fragen können das Maß unserer Ehrfurcht für die Rebellen des 17. Juni nicht verkleinern. Aber sie müssen dennoch gestellt werden.

Wir wissen, daß die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas das Ergebnis eines Konflikts nicht mehr sein darf und das Resultat eines einzelnen internationalen Aktes oder einer einzelnen internationalen Akte nicht mehr sein kann. Das Ziel, für das die Demonstranten des 17. Juni 1953 starben und litten, ist in weite Ferne gerückt. An uns ist es nun, neue Besinnung zu üben, wie es auf lange Sicht doch noch erreicht werden kann – eine Philosophie und ein Handlungsprogramm des Interims zu schaffen, die uns Hoffnung lassen, auf eine Entwicklung, welche über die Teilung in Unmenschlichkeit hinausführen kann. Th. S.