Jeder zweite Bewohner unserer Erde, der über fünfzehn Jahre alt ist, kann weder schreiben noch lesen. Und die Statistik zählt sie zusammen und nennt die "Gesamtzahl": eine Milliarde Analphabeten.

In Paris, im Gebäude der UNESCO, der Erziehungsorganisation der Vereinten Nationen, arbeitet man an Plänen, wie diesen Menschen auf schnellstem Weg die elementarsten Schulkenntnisse beizubringen seien. Optimistische Prognosen besagen, innerhalb von zwei Generationen – in den nächsten sechzig Jahren also – könne das Problem – gelöst werden, wenn genügend Geld da ist, um Lehrer zu bezahlen und Schalen zu bauen.

In Bangkok haben neuerdings mehrere Fachleute beraten, was zu tun sei, um den Frauen und Mädchen Asiens wenigstens eine Spur von Wissen zu vermitteln. Denn es ist hier das weibliche Geschlecht‚ das den größten Teil der Analphabeten stellt.

Eine Zählung, vor einigen Jahren in Indien durchgeführt, ergab, daß 45 Prozent der männlichen Bevölkerung, die in Städten leben, Analphabeten sind. Der Prozentsatz der weiblichen Bevölkerung: 75 Prozent. In den ländlichen Gebieten sind 99 Prozent der weiblichen Bevölkerung Analphabeten, 76 Prozent der männlichen. Auf Ceylon zeichnet die Statistik ein ähnliches Bild, hier sind es immerhin "nur" 58 Prozent der Frauen auf dem Land, die weder lesen noch schreiben können.

Wie in Indien und Ceylon ist es in Afghanistan, Burma, Kambodscha, im Iran, in Korea, Laos, Malaya, Nepal, Pakistan. Die Konferenz in Bangkok brachte allerdings zutage, daß die meisten asiatischen Länder die Schulpflicht gesetzlich eingeführt haben. In der Regel bemüht man sich in diesen Ländern um acht bis neun Jahre Grundschule. Die Einschulung beginnt mit sechs bis acht Jahren, in den ländlichen Bezirken ein bis zwei Jahre später. Grund: Transportschwierigkeiten, weil die Wohnungen meist zu weit von den zu spärlichen Schulen entfernt sind. Gehen die Kinder auf dem Land schon weit weniger zur Schule, so sind es hier besonders die Mädchen. Gründe: mangelnde Gesundheit, häusliche Pflichten, fehlendes Verständnis der Eltern, keine angemessene Kleidung. Höhere Schulen fehlen überhaupt. Ausnahmen machen Indien, die Philippinen, Thailand und Singapur.

Der Lehrplan ist für beide Geschlechter gleich; nimmt er Berufsschulcharakter an, gibt es hauswirtschaftliche Fächer für die Mädchen. Im wesentlichen sind die Schulen aber "männlich" bestimmt.

Wie kommt es, daß die Mädchen weniger Zugang zur Bildung haben als Jungen? Die Mädchen werden im Haus und auf dem Acker mehr gebraucht als Jungen. Tradition und elterliche Einstellung hindern die Mädchen, eine Schule, zu besuchen. Bei den höheren Schulen nehmen die Eltern Anstoß an der Koedukation. Hinzu kommt, daß das frühe Heiratsalter in Indien und gewiß auch in vielen anderen asiatischen Ländern ein Haupthindernis für den Schulbesuch ist. In Pakistan hemmt die religiöse Tradition den Schulbesuch der Mädchen.