Von Hermann Bohle (Brüssel)

Millionen Dollar für europäische Atomphantome – die Gemeinschaft zur friedlichen Nutzung der Atomenergie in französischer Hand – die Deutschen zahlen und haben nichts zu sagen – teurer wissenschaftlicher Leerlauf im Kernforschungszentrum Ispra – Gefahr für die deutsche Atomwissenschaft – deutsche Industrien bei Vergabe von EURATOM-Forschungsobjekten benachteiligt – in dieser Tonlage hat eine öffentliche Debatte über jene kleinste der drei Europäischen Gemeinschaften begonnen, die man in der Öffentlichkeit fünf Jahre lang links liegen ließ: die Europäische Atomgemeinschaft (EURATOM). Wer hat hier recht – und wo wird falsch gespielt?

Bei dem Streit, der um EURATOM ausgebrochen ist, geht es um zwei Probleme:

  • Darum, jene umwälzenden, wissenschaftlichen Erkenntnisse der Atomspaltung, die das Leben im letzten Drittel dieses Jahrhunderts zusehends prägen werden, in Europa auch zweckmäßig zu nutzen.
  • Darum, diese europäische Aktion so zu vollziehen, daß Wissenschaftler und Technologen für einen neuen politischen Weg gewonnen werden, der weder gestrig-national sein kann, noch sein soll.

Wirtschaftliche Interessen erster Klasse stehen für die Europäer zur Debatte. Dazu kommt die Integration bedeutender Zweige der Wissenschaft, wo Deutsche, Franzosen, Italiener, Holländer, Belgier und Luxemburger – die Mitglieder der EURATOM – gemeinsam viel mehr schaffen können, als ihnen, auf sich allein gestellt, möglich wäre. Ein Blick nach Osten und einer über den Atlantik genügt, um zu zeigen, wie zwingend das ist.

Der wissenschaftliche Ärger begann mit dem wohlklingenden Begriff "Orgel"; dabei handelt es sich nicht um das Instrument kirchlicher Musik, sondern um die französischsprachige Abkürzung für einen "schwerwassermoderierten, organisch gekühlten" Kernreaktortyp. Er ist ein Experiment, auf das EURATOM in Übereinstimmung mit den Sachverständigen aller sechs beteiligten Staaten die Forschungsarbeiten konzentriert hat. Aufwand für die kommenden fünf Jahre: 57 Millionen Dollar (228 Mill. DM).

Das Ziel ist, für Europas künftige Elektrizitätsversorgung aus Kernkraftwerken einen Reaktortyp zu entwickeln, der erstens mit preiswertem und ohne Schwierigkeiten in Europa beschaffbarem Brennstoff, Natur-Uran, gespeist werden kann, der zweitens einen verhältnismäßig bescheidenen Investitionsaufwand erfordert, weil die "Hülle", in deren Innern sich Kernspaltung und Kettenreaktion vollziehen, z. B. aus billigen nicht legiertem Stahl hergestellt werden kam und der drittens im Vergleich zu anderen Typei bessere Aussichten verspricht, genügende Mengen des Atombrennstoffs der Zukunft – Plutonium – zu liefern. Bislang muß EURATOM dieses Plutonium noch teuer und in genau rationierter Quantität aus den USA kaufen. Es kommt in der Natur kaum vor, wird in amerikanischen Aufarbeitungsanlagen künstlich hergestellt und hat das Symbol Pu-239.