Von Heinz Spielmann

Kein Automobil ist so oft karikiert worden wie der Volkswagen, und keine Karikatur einer Karosserie ist so populär geworden wie der Volkswagen (1200) in einem Osterei. Als kaum weniger wirksam erwies sich der Vergleich des VW-Profils mit einer Schildkröte.

Der Erfolg solcher Zeichnungen ist erstaunlich. Sie widersprechen allen Praktiken deren sich die Propaganda für Automobile bedient. Es überrascht, daß die Verwandtschaft mit Eiern und Schildkröten dazu angetan ist, eine Karosserieform zu empfehlen.

Lassen wir psychologische Argumente beiseite – aufschlußreich erscheint mir das Verhältnis, das diese Karikaturen zur ästhetischen Qualität der Volkswagenkarosserie haben. Wenn – nach einer Definition Hegels – die Karikatur einen "Überfluß des Charakteristischen" gibt, dann müssen Ei und Schildkröte so charakteristische Formelemente dieses erfolgreichen Automobils enthalten, daß es unmöglich ist, sie mit denen anderer Wagentypen zu verwechseln.

In der Karikatur des "Volkswagens als Osterei" wurde die Heckansicht auf das hochgestellte Oval eines Eies projiziert. Vergleicht man nun damit unvoreingenommen den Aufriß der Wagenseite, so entdeckt man keine eindeutigen Charakteristika, die gemeinsam wären. Achtet man jedoch auf die räumliche Form der Karosserie, also auf das, was sich dem Auge in Wirklichkeit darbietet, dann bemerkt man sofort die eiförmigen Wölbungen, die den Zeichner inspiriert haben. Am deutlichsten freilich wird die Eiform aus der Vogelperspektive sichtbar, im Grundriß. Wagenkasten, Gepäckraum und Motorhaube sind zusammengefaßt in einer "idealen Eiform", einer Ellipse: sie umschreibt als regelmäßiges Rechteck mit gerundeten Schmalseiten die Kotflügel samt Scheinwerfern und Rücklichtern.

Ähnlich einfach läßt sich auch die Seitenfront des Volkswagens beschreiben: Seine Kontur besteht aus einer Parabel (der Verkleidung des Gepäckraumes vorn) und einer Tropfenform (dem Wagenkasten mit der Motorverkleidung). Der Vergleich mit einer Schildkröte liegt da nicht fern. Sie kann von der Seite gesehen, aus ähnlichen Formen "zusammengesetzt" werden.

Die äußerliche Übereinstimmung zwischen Panzer und Kopf einer Schildkröte mit Wagenkasten und Gepäckraum des VW ist sogar ungleich frappierender als die Projizierung auf das Ei. Trotzdem zeigt diese Karikatur nichts so Charakteristisches wie das Osterei. Das Ei reflektiert auf ähnliche Formprinzipien, die Schildkröte hingegen auf zufällige Übereinstimmungen. Aber nicht nur eine Schwäche des satirischen Einfalls zeigt sich hier, sondern auch eine – vielleicht die einzige – Schwäche in der formalen Konzeption dieses Gefährts.