Wie weit bin ich abgeirrt. Die zufällige Repräsentantin des Typus, der unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg einfiel, es wäre doch eine nette Sache, wenn alle Schriftsteller der Welt sich verbrüderten, hieß also Dawson Scott. Eine Strickerin ohne Größenwahn, erkannte sie sofort, daß sie einen großen Bruder brauchte, um diesem schönen, auf edelste Weise zeitgemäßen Einfall Lebensatem einzuhauchen.

Sie wandte sich an John Galsworthy, den Spitzenrepräsentanten jener Romanstricker – seine Fortsetzungssaga (Handwerk aus der Zunft der "behördlich konzessionierten Geburtsregister-Wattierer" – man nehme ein gut abgehangenes Geburtsregister, stopfe Watte dazwischen und backe das Ganze in zartem Schmalz heraus) war damals schon international so verbreitet wie Atkinson’s Lavender Toilet Soap.

Das klingt lieblos; es ist nicht so gemeint. Unter den ersten Vorkämpferinnen der PEN-Idee (sonderbarerweise sehe ich sie immer als Damen, selbst wenn der Herr es ausnahmsweise über sie verhängt hatte, maskulinen Geschlechts zu sein) – unter diesen PEN-Damen also war eine durch Kränklichkeit vorzeitig unjung und ein wenig kolossalisch gewordene, mit prachtvollen, gütigen Augen, Henrietta Leslie mit Namen, die nicht nur ein höchst kultiviertes großbürgerliches Haus in Chelsea besaß (Glebe House – sie vermachte es dann dem PEN), sondern auch die Gabe, prachtvoll-äugig gütige Romane zu schreiben (" Who are you?" hießen sie etwa oder Martin, come back" oder "And both he loved ).

Als sie mich bei der Planung des Romanwerks "Mother of Five" zu Rate zog (und wie gern beriet ich diese großartige Person!), sagte ich: "Und wenn der Gatte, der ihr dieses sorglose Leben bereitet, sie aber nie in seine City-Geschäfte eingeweiht hat, vom Schlage gerührt in seinem Office vom Stuhl sinkt, eröffnet ihr der gütige Anwalt schonend, daß er ihr nichts, nichts hinterlassen hat! Sie muß die fünf Kinderchen aufziehen – und besitzt nicht einen Penny! Etwa so wie wir Emigranten. Du hast Phantasie, versetz dich in die Situation!"

Sie versetzte sich; entsetztes Mitleid stand in ihren Augen. Sie dedizierte mir dann das Buch. Was der Anwalt der zur mittellosen Witwe gewordenen taktvoll eröffnet, ist: "Alles, was Sie auf Ihrem Konto finden werden, sind achttausend Pfund." Hundertsechzigtausend Mark also, nach dem damaligen Kurs. Es war der Abgrund der Armut, dem eine englische Dame stark naturalistischer Weise eben noch ins Auge blicken konnte.

Das also war die Keimzelle, der edel dilettantische Hintergrund. Als Sekretär dieses internationalen Klubs für poets und playwrights, essayists sowie leider editors, und natürlich für novelists – PEN also – nahmen sie sich einen echten Londoner (die so selten sind wie echte Berliner) namens Hermon Ould, einen ernsthaften und lauteren Dramatiker und Poeten, dem sein gewissenhaft und mit puritanischer Sauberkeit und schroffer Direktheit ausgeübtes Amt die Lebenslüge vermittelte (aber vielleicht war es nur eine Dreiviertel-Illusion?; auch eine Viertelwahrheit ist kostbar!), daß er ein wirklicher Dramatiker, ein wirklicher Poet geworden wäre – hätte er nicht Jahr um Jahr dem PEN geopfert.

Damit hatte er einen Typus geschaffen – für PEN-Funktionäre. Der erste Verbrüderungstaumel erfaßte alle Schriftsteller überall, man hatte den jungen PEN, und man hatte den jungen Völkerbund, man hielt Reden und glaubte tatsächlich an ihre Wirkung, man reiste von Kongreß zu Kongreß, man dichtete in langen und edlen Beratungen mit gedankenvoll gerunzelten Stirnen eine Charta, die mit dem Völkerbundstatut, was sage ich da, mit den Zehn Geboten jederzeit konkurrieren kann – aber als der erste Enthusiasmus fadenscheiniger wurde, als die Weltbrüderschaft sich ernüchterte, besannen sich die Erfolgreichen: "Zeit ist Geld", und die Ernsthatten: "Zeit ist Werk", und standen von da ab nurmehr ausnahmsweise für dekorative Gastrollen zur Verfügung oder für Ehren ohne Funktion (auch ich, auch ich!) – und überließen die Arbeit (the dirty work) und damit auch den Einfluß den Hermon Oulds.