Gnadenlos werde die Regierung gegen die Demonstranten vorgehen, hatte der persische Ministerpräsident Assadulah Alam letzte Woche angekündigt. Alam hielt Wort – und die Armee löste es ein. Nach dreitägigen Unruhen zählte man in Teheran über 80 Tote; der materielle Schaden ging in die Millionen; die Führer des Aufruhrs wurden eingesperrt. Und während die Truppen den Friedhof in der iranischen Hauptstadt absperrten, wo die Toten hastig beerdigt wurden, erklärte Alam in einer Rundfunkansprache, die Verschwörung zum Sturze des Schahs sei zerschmettert; die Reform aber gehe weiter.

Gegen diese Reform, deren Herzstück die Enteignung des Großgrundbesitzes ist, die aber letzten Endes auf eine Modernisierung des ganzen Landes hinausläuft, hatten sich die Demonstrationen gerichtet. Das Signal hatten die Mullahs gegeben – jene religiösen Führer, die manche Interessen mit den Großgrundbesitzern gemein haben. Auch der islamischen Geistlichkeit ist die Landverteilung ein Ärgernis, einmal aus theologischen Gründen (die Mullahs behaupten, damit würden die heiligen Rechte des Eigentums angetastet), zum anderen aus sehr praktischen Erwägungen: Die islamische Geistlichkeit ist im Iran der größte Grundbesitzer; ihr gehören mehr als 10 Prozent der Dörfer.

Höchst anstößig erscheinen den Mullahs indes auch die Pläne der Regierung, nach westlichem Vorbild den Frauen größere Rechte zu gewähren. Das widerspreche den Lehren Mohammeds. So ist es denn auch kein Zufall, daß die Demonstranten Frauen attackierten, die keinen Schleier trugen, Damen am Steuer belästigen und Kinoplakate westlicher Filme abrissen und zertrampelten. Die Mullahs und die Großgrundbesitzer, jene Gruppen also, die durch die Reformen am meisten zu verlieren haben, sind sich einig in dem Bemühen, den Einbruch der neuen Zeit mit List und Gewalt zu verhindern.

Assadulah Alam, der 64jährige Ministerpräsident, stammt aus der Schicht dieser Feudalherren; er gehört zu jenen tausend Familien, die in ihrem Besitz und in ihren Rechten durch die Landreform bedroht sind. Aber er hat die Zeiten der Zeit begriffen, auch wenn er nicht der Erfinder der Reformpläne ist. Seinem Vorgänger Amini und dem früheren Landwirtschaftsminister Arsandschani gebührt das Verdienst, den Schah von der Notwendigkeit überzeugt zu haben, diese Reform durchzusetzen. Schah Reza Palevi hat lange gezögert, ehe er den Weg für die soziale Revolution von oben freigab. Und der Widerstand der Feudalherren war mit der Entscheidung des Schahs noch lange nicht gebrochen.

Amini und Arsandschani, die diese Reform in die Wege geleitet hatten, konnten sie nicht zu Ende führen. Amini trat im Juli des letzten Jahres zurück, weil es ihm nicht gelang, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen; Arsandschani schied im März dieses Jahres aus seinem Amt. Aber nun sieht es so aus, als ob der Schah, der so lange gezögert hatte, die treibende Kraft hinter den Reformen ist. Er berief seinen Vertrauten Alam zum Ministerpräsidenten; Alam ist zwar kein Feuerkopf wie Arsandschani, wohl auch nicht so brillant wie Amini, aber ein tüchtiger Administrator und ein treuer Diener seines Herrn. So ist nicht daran zu zweifeln, daß er die Reformpläne des Schahs voll und ganz unterstützt.

Von den 21 Millionen Menschen Persiens leben drei Viertel auf dem Lande; zwei Drittel des bebauten Landes aber samt den 30 000 dazugehörigen Dörfern gehören privaten Großgrundbesitzern. Manche der Grundherren besitzen ein Dorf; andere besitzen über 200 Dörfer; in die Herrschaft über wieder andere Dörfer teilt sich eine Vielzahl von Herren. In Aserbaidschan betrachten sich Grundbesitzer mit weniger denn sechs ganzen Dörfern als "Kleinbauern". Zwölf Prozent der Großgrundbesitzer teilen sich in 40 Prozent der Dörfer des Landes. Die bäuerlichen Pächter dürfen nur ein Fünftel der Einnahmen behalten, die das von ihnen bebaute Land abwirft.

Nach dem Reformgesetz von 1961 haben bisher 140 000 Familien in 2300 Dörfern das Land, das sie bebauen, zum Eigentum erhalten. Der Schah ging mit gutem Beispiel voran und übergab den größten Teil seiner landwirtschaftlichen Besitzungen den Pächtern, und auch Alam vermachte, schon ehe das Gesetz in Kraft trat, eine Reihe seiner Güter den Bauern.