Von Robert Neumann

Die Flüchtlinge aufzufangen, unmittelbar vor dem Krieg, zogen die reichen englischen Juden ihre eigene Organisation auf, und ihren flüchtigen Brüdern gegenüber fand ich sie wenig brüderlich; wie ja überhaupt jenes von den Nazi; und dem seligen Ludendorff behauptete Zusammenhalten der Juden so wenig existiert wie die berühmten "Weisen von Zion". Die einzigen Internationalen, auf die man sich in fremden Ländern verlassen kann, sind die homosexuelle und die katholische; und dazu allenfalls noch die der geborenen Budapester in Hollywood.

Wirksam-hilfreicher waren die Quäker, die Gott der Herr auf Grund eines Sonderabkommens mit den Reichtümern dieser Erde überschüttet – sie zahlen dafür mit Entsagungen Je reicher, desto entsagungsvoller; je entsagungsvoller, desto reicher. Sie sind die erdverbundensten unter den Frommen; aufrichtige Heuchler, anmaßend demütig; handfeste Freunde, handfeste Feinde; intolerante Wegelagerer des Christentums; Kreuzfahrer der Menschenrechte und des materiellen Gewinns. Ah, gib mir einen Quäker, mein Haus auf ihn zu bauen!

Die nicht ihr Haus auf sie bauten und auch auf die Juden nicht, waren die Zehntausende österreichischer Flüchtlinge – von ihrem Austrian Centre und ihrem Theaterchen steht allerlei in "The Inquest", von vielem aus dieser Zeit steht vieles in "The Inquest", ich habe das Buch nicht selber ins Deutsche übersetzt, es heißt jetz: "Treibgut"; zuerst hieß es "Bibiana Santis", aber der Verleger entdeckte, daß das Publikum das für eine Südseeinsel hielt; Südseeinseln kaufen sie nicht. Wie ja überhaupt der deutsche Leser um unser Exil zu vergeben willens ist; vergeben, vergessen, er will großmütigerweise daran gar nicht erst noch einmal erinnert sein.

Auch der PEN hatte seine eigene Hilfsaktion Als ich nach England kam – ich sprach kein Wort Englisch –, empfahl mir H. G. Wells für meinen Roman "Die Macht" (das war der, in dem ich "die Führer der deutschen Freiheitsbewegung der Banknotenfälschung bezichtigt" hatte) als Übersetzerin die großartige Dorothy Richardson, eine damals schon alte Dame, von der nur den Eingeweihten bekannt ist, daß sie die Vorläuferin und Lehrmeisterin von Joyce und von der Virginia Woolf war. Nach alter Vorläufertradition nagte sie beinahe am Hungertuch, der König setzte ihr ein Ehrengehalt von hundert Pfund Sterling jährlich aus seiner Privatbörse aus – das sind tausendundeinhundert Mark –, und eine sehr erfolgreiche Kollegin ließ sie umsonst in einem ihrer Ferienhäuschen in Cornwall leben.

So traf ich dort auch die Erfolgreiche selbst, sie hieß Dawson Scott und war eine beliebte Romantante. Das ist in England wie überall ein höchst ehrbares und lukratives Gewerbe, und in England nur deshalb noch weiter verbreitet als anderswo, weil es dort niemals eine Verelendung des Mittelstandes (wie etwa in Mitteleuropa zwischen den beiden Kriegen) gegeben hat. Die alten Jungfern, die noch rüstigen Witwen sind nicht darauf angewiesen, in Hinterstübchen zu sitzen, anderer Leute Kinder zu hüten, zu kochen, zu stricken – alle haben sie ihre kleinen Renten, sie wenden ihre Muße der Wohltätigkeit und den Künsten zu, sie kochen mit Wasserfarben oder Pastell, sie stricken oder häkeln Romane.

Und da die englische Erziehung nicht auf "Wissen" abzielt, sondern auf Charakterentfaltung, Charakterentfaltung aber im wesentlichen aus einer taktvollen Anwendung der dortzulande in Jahrhunderten zu höchster Blüte entwickelten Spielregeln der guten Gesellschaft besteht und die Spielregeln wenigstens äußerlich in zwei Dutzend erlernbarer Standarddialoge zusammengefaßt werden können (der Isn’t-it-a-nice-dayto-day-Dialog, der Dialog über tea, über nice fire im Kamin, der Dialog mit dem Vikar, die Familienereignis-Dialoge und ein paar andere) – da also, sage ich, den englischen Romanstrickerinnen (auch Stricker gibt es in England) all diese notwendigerweise höchst "echten" Dialoge für alle Lebenslagen auswendig zur Verfügung stehen, bedarf es nur noch des Niederschreibens jener zwei Dutzend set pièces in gefällig sich anbietenden Variationen und Permutationen, und fertig ist das Produkt dieser englischen Hausindustrie. Cottage Industry sollte man sagen – die Damen wohnen meist in cottages auf dem flachen Land.

Im Gegensatz etwa zum deutschen Kitschroman ist das Produkt sogar exportierbar – nach Deutschland vor allem, da es soviel weniger leicht durchschaubar ist: Blättert man, liest man Seite 14, 123, 312, so hat jede für sich genommen diesen höchst kompetenten, "echten" Dialog, den als den leerlaufenden Standard einer hohen Zivilisation zu durchschauen der deutsche Durchschnittslektor zu unerfahren ist; der von ihm beratene deutsche Durchschnittsverleger zahlt am Ende die Rechnung.